Von Grenzen und Gefährdungen des Lebens

Lebens Liturgien

Folge 22

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Herzlich Willkommen zu „Lebensliturgien für den Alltag“. Mithilfe der LebensLiturgien wollen wir uns mit Gott verbinden und uns von seinem Geist in die Freiheit führen lassen – in die Freiheit anders zu leben: einfacher, achtsamer, leichter.

Jede LebensLiturgie beginnt und endet mit Gebeten, die immer gleichbleiben, Bibeltext und Impulse in der Mitte wechseln. Am intensivsten wirken die LebensLiturgien, wenn sie in Ruhe angehört werden. Und jetzt: viel Freude damit!

Zu Beginn meines Betens lasse ich es ruhig werden in mir.

Ich atme langsam und bewusst.

Und sammle meine Gedanken.

Herr, du bist hier. Jetzt. In diesem Moment.Und schaust mich liebevoll an.

„Lobe den HERRN, meine Seele! HERR, mein Gott, du bist sehr groß:
in Hoheit und Pracht bist du gekleidet.
Licht ist dein Kleid, das du anhast.
Du breitest den Himmel aus wie ein Zelt.
Du lässest Brunnen quellen in den Tälern, dass alle Tiere des Feldes trinken.
Darüber sitzen die Vögel des Himmels und singen in den Zweigen.
Du tränkst die Berge von oben her, und machst das Land voll Früchte, die du schaffest.“

aus Psalm 104

Herr, unser Gott! Die Welt ist dein –

in all ihrer Vielfalt und mit all ihren Wundern.

Lob sei dir und Dank dafür!

Auch ich bin dein.

So bitte ich: erfülle und leite mich mit deinem Heiligen Geist,

dass ich die Schönheit deiner Schöpfung wahrnehme

und auf eine Weise lebe,

die deine Welt bewahrt

und weltweit zum Segen wird für viele.

Amen

In Folge 4 hatten wir es schon einmal von den Grenzen. Dass wir Menschen sowohl Freiraum brauchen als auch Grenzen. Dass es uns und Gottes restlicher Schöpfung gut tut, wenn wir Grenzen respektieren. Im heutigen Abschnitt der Schöpfungsgeschichte geht es noch einmal um Grenzen:

„Und Jahwe-Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, um ihn zu bearbeiten und zu bewahren. Und Jahwe-Gott sprach zum Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen. Aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Schlechten sollst du nicht essen. Denn an dem Tag, an dem du von ihm isst, wirst du sterben.“

Gen 2, 15-17

Alles, was bisher in der zweiten Schöpfungsgeschichte erzählt wurde, geschah ohne Worte. Gott formt, Gott haucht, Gott pflanzt, Gott lässt wachsen, Gott setzt hinein. Zu Beginn lässt Gott ausschließlich Taten sprechen – und seine Taten sprechen eine Sprache der Großzügigkeit und der Liebe. Jetzt redet Gott erstmals auch mit Worten. Und was sagt er? Welche Sprache spricht er nun mit Worten? Wieder spricht er die Sprache der Großzügigkeit und der Liebe: „Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen!“
Ich stelle mir vor, wie Gott und Mensch auf einer kleinen Anhöhe stehen, wie Gott dem Menschen freundschaftlich-liebevoll einen Arm um die Schulter legt und mit der anderen Hand eine weit ausladende Geste macht. Ihr Blick schweift über den großen, üppigen, wunderschönen GartenPark, der sich bis zum Horizont erstreckt, es riecht nach reifen Früchten, Vögel singen in den Zweigen all der unterschiedlichen Bäume – und Gott sagt: „Schau! Von all dem hier darfst du essen! Genieß es! Freue dich daran – tagein, tagaus. Du darfst dich frei bewegen. Das hier ist für dich!“

Welches innere Bild habe ich von Gott? Wie geht es mir, wenn ich diese riesige Zusage Gottes hören? Glaube ich Gott seine Großzügigkeit und Zugewandtheit zu mir? Oder vermute ich ein verstecktes „Aber“? Woher kommt das? In der gut einminütigen Stille komme ich mit Gott darüber ins Gespräch.

Freiraum

Und tatsächlich. Es gibt ein „Aber“, es gibt einen Haken an der Sache.

„Und Jahwe-Gott sprach zum Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen. Aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Schlechten sollst du nicht essen. Denn an dem Tag, an dem du von ihm isst, wirst du sterben.“

Im Lauf der Kirchengeschichte wurden diese Worte oft sehr düster interpretiert. Der Baum der Erkenntnis von Gut und Schlecht als eine Art fieser Test Gottes. Das Verbot, davon zu essen, als Gehorsamsprobe: Gott will sehen, ob sich der Mensch ihm auch brav unterwirft. Kaum, dass Gott den Menschen geschaffen hat, droht er ihm auch schon.

Was genau es mit diesem Baum der Erkenntnis des Guten und Schlechten auf sich hat, dazu kommen wir in der nächsten Folge. Für heute reicht es, wenn wir verstehen, dass Gott hier überhaupt nicht droht. Nein. Gott warnt. Ein bisschen so, wie Eltern ihre Kinder vor der heißen Herdplatte warnen. „Iss bitte nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Schlechten. Denn an dem Tag, an dem du von ihm isst, wirst du sterben.“ Gott erklärt dem Menschen also das Leben. Und nachdem er dem Menschen all die wunderbaren Dinge und Möglichkeiten des Lebens vor Augen gemalt hat, kommt er auch auf die Gefährdungen und Grenzen zu sprechen.

Von welchen Grenzen und Gefährdungen meines Lebens hätte ich gerne vorher gewusst? Wo hätte ich schon früher jemand gebraucht, der mich auf bestimmte Grenzen und Gefährdungen in meinem Leben hinweist? Wo habe ich – auf die harte Tour – erfahren müssen, dass ich Grenzen habe und dass es Dinge gibt, die meinem Leben schaden?

Freiraum

Herr, mein Gott!

Gib, dass ich heute deine Welt betrachte mit Augen, die voller Liebe sind.

Schenke mir die Bereitschaft, den Menschen um mich herum

und deiner Schöpfung mit Hingabe zu dienen

und alles Gute, das du in sie hineingelegt hast, zu entfalten und zu bewahren.

Bewirke, o Herr, dass ich so voller Freude und Güte bin,

dass alle, die mir begegnen,

sowohl deine Gegenwart, als auch deine Liebe spüren.

Bekleide mich mit deiner Schönheit,

damit ich dich im Verlaufe dieses Tages offenbare.

Ehre sei dir, Vater, dir Sohn, und die Heiligem Geist, wie es war im Anfang, so auch jetzt und dann allezeit und in Ewigkeit. Amen.