Über das Staunen – Teil I

Lebens Liturgien

Folge 35

Alle Folgen

Herzlich Willkommen zu „Lebensliturgien für den Alltag“. Mithilfe der LebensLiturgien wollen wir uns mit Gott verbinden und uns von seinem Geist in die Freiheit führen lassen – in die Freiheit anders zu leben: einfacher, achtsamer, leichter.

Jede LebensLiturgie beginnt und endet mit Gebeten, die immer gleichbleiben, Bibeltext und Impulse in der Mitte wechseln. Am intensivsten wirken die LebensLiturgien, wenn sie in Ruhe angehört werden. Und jetzt: viel Freude damit!

Zu Beginn meines Betens lege ich zur Seite, was mich beschäftigt und lasse es ruhig werden in mir.

Ich atme langsam und bewusst.

Und sammle meine Gedanken.

Herr, du bist hier. Jetzt. In diesem Moment.Und schaust mich liebevoll an.

„Lobe den HERRN, meine Seele! HERR, mein Gott, du bist sehr groß:
in Hoheit und Pracht bist du gekleidet.
Licht ist dein Kleid, das du anhast.
Du breitest den Himmel aus wie ein Zelt.
Du lässest Brunnen quellen in den Tälern, dass alle Tiere des Feldes trinken.
Darüber sitzen die Vögel des Himmels und singen in den Zweigen.
Du tränkst die Berge von oben her, und machst das Land voll Früchte, die du schaffest.“

aus Psalm 104

Herr, unser Gott! Die Welt ist dein –

in all ihrer Vielfalt und mit all ihren Wundern.

Lob sei dir und Dank dafür!

Auch ich bin dein.

So bitte ich: erfülle und leite mich mit deinem Heiligen Geist,

dass ich die Schönheit deiner Schöpfung wahrnehme

und auf eine Weise lebe,

die deine Welt bewahrt

und weltweit zum Segen wird für viele.

Amen

Vor gut fünf Jahren hat Papst Franziskus seine Enzyklika „Laudato Si“ veröffentlicht. Ihr Untertitel: Über die Sorge für das gemeinsame Haus. Das Spannende: Er richtet seine Enzyklika nicht wie sonst nur an die Katholiken, sondern: „Angesichts der weltweiten Umweltschäden möchte ich mich an jeden Menschen wenden, der auf diesem Planeten wohnt.“

Weil diese Enzyklika an uns alle gerichtet ist und weil Papst Franziskus uns in ihr eine Fülle von klugen Beobachtungen und tiefen, hilfreichen Gedanken anbietet, wollen wir uns in den nächsten Folgen ausführlicher mit dieser Enzyklika beschäftigen.

Wir beginnen mit Papst Franziskus‘ Plädoyer für eine Haltung des Staunens:

„Wenn wir uns der Natur und der Umwelt ohne Offenheit für das Staunen und das Wunder nähern, wenn wir in unserer Beziehung zur Welt nicht mehr die Sprache der Brüderlichkeit und der Schönheit sprechen, wird unser Verhalten das des Herrschers, des Konsumenten oder des bloßen Ausbeuters der Ressourcen sein, der unfähig ist, seinen unmittelbaren Interessen eine Grenze zu setzen. “

(LS 11)

An fünf Stellen seiner Enzyklika spricht Papst Franziskus über das Staunen. Das Staunen zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Enzyklika. Und tatsächlich ist das Staunen etwas ganz gar Einzigartiges: Staunen tut nur der Mensch.
Schon bei den beiden antiken Philosophen Aristoteles und Platon finden wir eine Beschäftigung mit diesem Staunen. Für Aristoteles ist Staunen allerdings lediglich eine Folge menschlicher Unwissenheit. Genügend Wissenschaft macht Staunen überflüssig. Platon dagegen beschäftigte sich mit dem bewundernden Staunen: seiner Meinung nach haben wir Menschen über das Staunen Zugang zu den göttlichen Ideen. Unser Staunen erledigt sich nicht einfach, wenn wir beginnen, mehr zu wissen. Nein: das Staunen bleibt angesichts einer faszinierenden, unendlich wunderbaren Welt.

Wann habe ich das letzte Mal gestaunt? In der etwa einminütigen Stille gehe ich in Gedanken durch meine letzten Tage und Wochen …

Freiraum

Bleiben wir mit Blick auf das Staunen noch ein bisschen im Bereich der Philosophie. Eine ganze Reihe von Philosophen betonen, dass das Staunen etwas Passives ist: etwas, das uns überfällt oder überkommt, wenn wir etwas Wunderbares und Faszinierendes wahrnehmen. Ein Sonnenuntergang über dem Meer, ein Bergpanorama, das Lächeln einer schönen jungen Frau.

Und vermutlich ist das so: am schönsten ist das Staunen, wenn es uns unerwartet überkommt und uns mit sich hinwegträgt.

Und doch scheint es beim Staunen Anteile zu geben, die wir beeinflussen können. Unsere innere Haltung bestimmt, ob und in welchem Ausmaß wir zu staunen beginnen. Wir hören noch einmal auf die Worte von Papst Franziskus:

„Wenn wir uns der Natur und der Umwelt ohne Offenheit für das Staunen und das Wunder nähern, wenn wir in unserer Beziehung zur Welt nicht mehr die Sprache der Brüderlichkeit und der Schönheit sprechen, wird unser Verhalten das des Herrschers, des Konsumenten oder des bloßen Ausbeuters der Ressourcen sein, der unfähig ist, seinen unmittelbaren Interessen eine Grenze zu setzen. “

(LS 11)

Unsere Interessen und inneren Einstellungen haben einen großen Einfluss auf unsere Wahrnehmungen. Wenn wir die uns umgebende Welt nur mit wissenschaftlichen oder wirtschaftlichen Augen betrachten, entgeht uns die von Gott geschaffene Schönheit der Dinge. Wenn wir die Welt nur verstehen oder verbrauchen wollen, entgeht uns das Eigentliche – und unser Herz erkaltet.

Mit welcher inneren Einstellung gehe ich durch diese Welt? Gibt es Einstellungen und Angewohnheiten in mir, die ein Staunen verhindern? In der Stille komme ich mit Gott darüber ins Gespräch …

Freiraum

Herr, mein Gott!

Gib, dass ich heute deine Welt betrachte mit Augen, die voller Liebe sind.

Schenke mir die Bereitschaft, den Menschen um mich herum

und deiner Schöpfung mit Hingabe zu dienen

und alles Gute, das du in sie hineingelegt hast, zu entfalten und zu bewahren.

Bewirke, o Herr, dass ich so voller Freude und Güte bin,

dass alle, die mir begegnen,

sowohl deine Gegenwart, als auch deine Liebe spüren.

Bekleide mich mit deiner Schönheit,

damit ich dich im Verlaufe dieses Tages offenbare.

Ehre sei dir, Vater, dir Sohn, und die Heiligem Geist, wie es war im Anfang, so auch jetzt und dann allezeit und in Ewigkeit. Amen.