Über das Staunen – Teil II

Lebens Liturgien

Folge 36

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Herzlich Willkommen zu „Lebensliturgien für den Alltag“. Mithilfe der LebensLiturgien wollen wir uns mit Gott verbinden und uns von seinem Geist in die Freiheit führen lassen – in die Freiheit anders zu leben: einfacher, achtsamer, leichter.

Jede LebensLiturgie beginnt und endet mit Gebeten, die immer gleichbleiben, Bibeltext und Impulse in der Mitte wechseln. Am intensivsten wirken die LebensLiturgien, wenn sie in Ruhe angehört werden. Und jetzt: viel Freude damit!

Zu Beginn meines Betens lege ich zur Seite, was mich beschäftigt und lasse es ruhig werden in mir.

Ich atme langsam und bewusst.

Und sammle meine Gedanken.

Herr, du bist hier. Jetzt. In diesem Moment.Und schaust mich liebevoll an.

„Lobe den HERRN, meine Seele! HERR, mein Gott, du bist sehr groß:
in Hoheit und Pracht bist du gekleidet.
Licht ist dein Kleid, das du anhast.
Du breitest den Himmel aus wie ein Zelt.
Du lässest Brunnen quellen in den Tälern, dass alle Tiere des Feldes trinken.
Darüber sitzen die Vögel des Himmels und singen in den Zweigen.
Du tränkst die Berge von oben her, und machst das Land voll Früchte, die du schaffest.“

aus Psalm 104

Herr, unser Gott! Die Welt ist dein –

in all ihrer Vielfalt und mit all ihren Wundern.

Lob sei dir und Dank dafür!

Auch ich bin dein.

So bitte ich: erfülle und leite mich mit deinem Heiligen Geist,

dass ich die Schönheit deiner Schöpfung wahrnehme

und auf eine Weise lebe,

die deine Welt bewahrt

und weltweit zum Segen wird für viele.

Amen

Noch einmal beschäftigt uns heute das Staunen. Für Papst Franziskus ist die innere Haltung des Staunens eine wesentliche Haltung, um aus dem Immer-mehr-Haben-und-Verbrauchen-Wollen herauszukommen.

Denn die Haltung des Immer-mehr-Haben-und-Verbrauchen-Wollen ist eine zutiefst egoistische Haltung. Wenn wir so auf die Welt schauen, geht es uns im Grunde nur um uns selbst. Wir sehen nur uns, unser Wollen und unseren angeblichen Mangel. Die Natur und andere Menschen nehmen wir lediglich als verfügbares Material wahr.

Wenn wir dagegen staunen, verlassen wir uns selbst. Im Staunen hören wir auf, um uns selbst zu kreisen und sind ganz bei dem, was uns staunen lässt. Wir nehmen den Wert dessen wahr, was wir bestaunen. Wir betrachten selbstvergessen den Tanz eines Schmetterlings oder die ersten leuchtend-farbigen Blumen nach einem langen Winter. Und für eine kleine Weile vergeht uns alles Herrschen, Ausbeuten und Konsumieren.

„Wenn wir uns der Natur und der Umwelt ohne Offenheit für das Staunen und das Wunder nähern, wenn wir in unserer Beziehung zur Welt nicht mehr die Sprache der Brüderlichkeit und der Schönheit sprechen, wird unser Verhalten das des Herrschers, des Konsumenten oder des bloßen Ausbeuters der Ressourcen sein, der unfähig ist, seinen unmittelbaren Interessen eine Grenze zu setzen.“

(LS 11)

Wie aber kommen wir öfter und tiefer in ein solches Staunen, das uns öffnet für die Schönheit und den Wert der Welt?

Wir brauchen zwei Dinge: Zeit und Ruhe. Und einen aufmerksamen, wachen Blick.

Zuerst Zeit und Ruhe. Der vielleicht größte Feind des Staunens ist hastige Eile. Wenn wir ständig unter Zeitdruck durch unseren Tag hasten, werden wir niemals staunen. Wir sind dann viel zu sehr fokussiert auf das Abarbeiten unserer To-Do-Listen. Unser Blick wird eng. Der Blutdruck geht hoch, unsere Lebensgeschwindigkeit ebenfalls. Nicht das Staunen interessiert uns dann, sondern das Funktionieren und Erledigen.

Mit welcher Lebensgeschwindigkeit bin ich unterwegs? Gibt es regelmäßige Zeiten der Ruhe in meinem Leben? Und halte ich diese Zeiten bewusst frei von medialen Ablenkungen? In der Stille komme ich mit Gott darüber ins Gespräch.

Freiraum

Zeit und Ruhe sind also wichtig. Und ein aufmerksamer, wacher Blick. Denn ein anderer Gegenspieler des Staunens ist die Gewöhnung. Würden wir mit den Augen eines Menschen aus dem 19. Jahrhundert durch unser Leben gehen: wir würden über beinahe alles Staunen. Warmes Wasser aus der Leitung. Hygiene und medizinische Versorgung. Der Küchenmixer. Die Spülmaschine. Die Waschmaschine. Das Smartphone. Das Auto. Unsere eng vernetzte globale Welt. Nachrichten und Fotos in Echtzeit … Dazu jeden Frühling aufs Neue das Wunder, wenn die Natur erwacht und Farben und Leben sich auszubreiten beginnen.

In der Stille lasse ich mein Leben und die Natur auf mich wirken und suche zehn Dinge, die staunenswert sind.

Freiraum

Herr, mein Gott!

Gib, dass ich heute deine Welt betrachte mit Augen, die voller Liebe sind.

Schenke mir die Bereitschaft, den Menschen um mich herum

und deiner Schöpfung mit Hingabe zu dienen

und alles Gute, das du in sie hineingelegt hast, zu entfalten und zu bewahren.

Bewirke, o Herr, dass ich so voller Freude und Güte bin,

dass alle, die mir begegnen,

sowohl deine Gegenwart, als auch deine Liebe spüren.

Bekleide mich mit deiner Schönheit,

damit ich dich im Verlaufe dieses Tages offenbare.

Ehre sei dir, Vater, dir Sohn, und die Heiligem Geist, wie es war im Anfang, so auch jetzt und dann allezeit und in Ewigkeit. Amen.