Psalm 6 – Teil I

Lebens Liturgien

Folge 65

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Herzlich Willkommen zu „Lebensliturgien für den Alltag“ – Staffel 3: KlosterPsalmen. Die 150 Psalmen der Bibel sind Herzstück aller klösterlichen Gebete. Sie sind bis oben hin angefüllt mit Leben: mit Glaube und Zweifel, Klage und Jubel, Hilflosigkeit und Übermut. Mithilfe der LebensLiturgien tauchen wir ein in die Welt der Psalmen und beten uns – wie im Kloster – Stück für Stück durch sie hindurch.

Jede LebensLiturgie beginnt und endet mit Gebeten, die immer gleichbleiben, Psalmtext und Impulse in der Mitte wechseln. Am intensivsten wirken die LebensLiturgien, wenn sie in Ruhe angehört werden. Und jetzt: viel Freude damit!

Zu Beginn meines Betens lege ich zur Seite, was mich beschäftigt und lasse es ruhig werden in mir.

Ich atme langsam und bewusst.

Und sammle meine Gedanken.

Herr, du bist hier. Jetzt. In diesem Moment.
Du schaust mich liebevoll an.

Ein Gebet von Benedikt von Nursia, Vater des Mönchtums, aus dem 6. Jahrhundert:

Verleih mir,
gütiger und heiliger Vater,
in deiner Huld:
einen Verstand, der dich versteht,
einen Sinn, der dich wahrnimmt,
einen Eifer, der dich sucht,
ein Herz, das dich liebt,
ein Tun, das dich verherrlicht,
eine Geduld, die auf dich harrt.
Amen

Aus Psalm 6 (Luther 2017)

Ach, HERR, strafe mich nicht in deinem Zorn!
HERR, sei mir gnädig, denn ich bin schwach;
heile mich, HERR, denn meine Gebeine sind erschrocken
und meine Seele ist sehr erschrocken. Ach du, HERR, wie lange!

Wende dich, HERR, und errette meine Seele,
hilf mir um deiner Güte willen!

Denn im Tode gedenkt man deiner nicht;
wer wird dich bei den Toten preisen?

Ich bin so müde vom Seufzen;
ich schwemme mein Bett die ganze Nacht
und netze mit meinen Tränen mein Lager.

Weichet von mir, alle Übeltäter;
denn der HERR hört mein Weinen.

Der HERR hört mein Flehen;
mein Gebet nimmt der HERR an.

Wie häufig in den Psalmen begegnen uns auch hier Worte, die in großer Not entstanden sind. Doch hier, in Psalm 6, begegnen uns erstmals Worte eines an sich selbst zweifelnden Beters. Hier betet einer, der um die Brüchigkeit seiner Existenz und seiner Heiligkeit weiß. Von schwerer Krankheit getroffen und von Übeltätern umringt, fragt er sich voll Schrecken: „Was, wenn das Gottes Strafe für meine Sünden, für meine Schuld ist? Für all das Schlechte, das ich im Laufe meines Lebens getan und für all das Gute, das ich nicht getan habe? Was, wenn Gott mich gerade verwirft?“

Gab es schon einmal Zeiten in meinem Leben, in denen ich mich ähnliches gefragt habe? Zeiten von Misserfolg, von Krankheit oder von Einsamkeit, in denen ich mich gefragt habe: Ernte ich jetzt, was ich früher gesät habe? War es das? Ist das jetzt meine Zukunft?

Freiraum

Wer sich schon mal solchen Fragen gestellt hat, merkt: unser Leben ist zu arm an großartigen ethischen Leistungen, um Gott dazu zu bringen, unser Schicksal zu wenden. Unser Leben, unsere Erfolge, unsere Taten der Liebe geben nicht genug her, um Gott mit guten Argumenten zu einer Änderung unserer Verhältnisse zu drängen.

Was also tun? Das Gebet – und damit den Kontakt zu Gott – abbrechen? Oder Gott einen Deal anbieten: wenn er uns heilt, dann werden wir unser Leben ändern und für ihn Großes vollbringen?

Der Beter von Psalm 6 tut etwas anderes: er flieht vor Gott … zu Gott hin. Er flieht vor Gott, dem gerechten Richter, zu Gott, dem gnädigen, gütigen Vater.

„HERR, sei mir gnädig, denn ich bin schwach (…).Wende dich, HERR, und errette meine Seele, hilf mir um deiner Güte willen!“

Der Beter lässt alle Versuche der Selbstrechtfertigung und wirft sich mit aller Kraft Gott in die Arme. Er setzt alles darauf, dass Gottes Gnade im Zweifelsfall die Oberhand über seine Gerechtigkeit behält.

„Sei mir gnädig! Hilf mir um deiner Güte willen!“ In der Stille setze auch ich alles darauf, dass Gottes Gnade im Zweifelsfall die Oberhand über seine Gerechtigkeit behält.

Freiraum

Ach, HERR, strafe mich nicht in deinem Zorn!
HERR, sei mir gnädig, denn ich bin schwach;
heile mich, HERR, denn meine Gebeine sind erschrocken
und meine Seele ist sehr erschrocken. Ach du, HERR, wie lange!

Wende dich, HERR, und errette meine Seele,
hilf mir um deiner Güte willen!

Denn im Tode gedenkt man deiner nicht;
wer wird dich bei den Toten preisen?

Ich bin so müde vom Seufzen;
ich schwemme mein Bett die ganze Nacht
und netze mit meinen Tränen mein Lager.

Weichet von mir, alle Übeltäter;
denn der HERR hört mein Weinen.

Der HERR hört mein Flehen;
mein Gebet nimmt der HERR an.

So lade ich dich, Gott, nun ein, den Tag, der vor mir liegt, zu gestalten – in mir und mit mir.

Atme in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes denke.
Wirke in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes fühle!
Pulsiere in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes tue!
Dir gebe ich meinen Tag und mein Leben.
Erfülle mich mit deiner Kraft und mit deiner Liebe.
Heute. Und an allen Tagen. Und in Ewigkeit. Amen.
(nach Augustinus)