Psalm 6 – Teil III

Lebens Liturgien

Folge 67

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Herzlich Willkommen zu „Lebensliturgien für den Alltag“ – Staffel 3: KlosterPsalmen. Die 150 Psalmen der Bibel sind Herzstück aller klösterlichen Gebete. Sie sind bis oben hin angefüllt mit Leben: mit Glaube und Zweifel, Klage und Jubel, Hilflosigkeit und Übermut. Mithilfe der LebensLiturgien tauchen wir ein in die Welt der Psalmen und beten uns – wie im Kloster – Stück für Stück durch sie hindurch.

Jede LebensLiturgie beginnt und endet mit Gebeten, die immer gleichbleiben, Psalmtext und Impulse in der Mitte wechseln. Am intensivsten wirken die LebensLiturgien, wenn sie in Ruhe angehört werden. Und jetzt: viel Freude damit!

Zu Beginn meines Betens lege ich zur Seite, was mich beschäftigt und lasse es ruhig werden in mir.

Ich atme langsam und bewusst.

Und sammle meine Gedanken.

Herr, du bist hier. Jetzt. In diesem Moment.
Du schaust mich liebevoll an.

Ein Gebet von Benedikt von Nursia, Vater des Mönchtums, aus dem 6. Jahrhundert:

Verleih mir,
gütiger und heiliger Vater,
in deiner Huld:
einen Verstand, der dich versteht,
einen Sinn, der dich wahrnimmt,
einen Eifer, der dich sucht,
ein Herz, das dich liebt,
ein Tun, das dich verherrlicht,
eine Geduld, die auf dich harrt.
Amen

Aus Psalm 6 (Luther 2017)

Ach, HERR, strafe mich nicht in deinem Zorn!
HERR, sei mir gnädig, denn ich bin schwach;
heile mich, HERR, denn meine Gebeine sind erschrocken
und meine Seele ist sehr erschrocken. Ach du, HERR, wie lange!

Wende dich, HERR, und errette meine Seele,
hilf mir um deiner Güte willen!

Denn im Tode gedenkt man deiner nicht;
wer wird dich bei den Toten preisen?

Ich bin so müde vom Seufzen;
ich schwemme mein Bett die ganze Nacht
und netze mit meinen Tränen mein Lager.

Weichet von mir, alle Übeltäter;
denn der HERR hört mein Weinen.

Der HERR hört mein Flehen;
mein Gebet nimmt der HERR an.

Der Stimmungsumschwung kurz vor Ende des Psalms überrascht. „Herr, Ach, HERR, strafe mich nicht in deinem Zorn“, wird hier zum Auftakt gebetet. Dann bricht tiefes Klagen hervor: Krankheit, Schuld und Feinde haben die Gebeine genauso erschrocken wie die Seele. Es geht um Leben oder Tod, der Tod scheint bereits im Vormarsch zu sein. Selbst die Kraft zum Seufzen und der Vorrat an Tränen gehen langsam, aber sicher aus.

Dann, auf einmal, ansatzlos dreht sich die Stimmung komplett. Und der Psalmbeter ruft aus: „Weichet von mir, alle Übeltäter; denn der HERR hört mein Weinen. Der HERR hört mein Flehen; mein Gebet nimmt der HERR an.“ Wie kommt es zu diesem radikalen Stimmungsumschwung?

Eine Möglichkeit ist, dass der Psalm über eine gewisse Zeit gewachsen ist. Zuerst war da Verzweiflung, höchste Not, ein Kampf um Leben und Tod – und die entsprechende Klage. Dann, einige Wochen oder sogar Monate später, nach erfolgter Heilung, Vergebung und Hilfe durch Gott, ergänzt der Beter seine Klage um diese Erhörungsgewissheit. Um sich daran zu erinnern, dass Gott hört und hilft.

Wo habe ich in meinem Leben erlebt, dass Gott gehört und geholfen hat? Ich hole diese kostbaren Erinnerungen hervor, entstaube sie falls nötig und lasse mir von ihnen Mut und Zuversicht zuwachsen für aktuelle Anliegen und Nöte.

Freiraum

Eine andere mögliche Ursache für den überraschenden Stimmungsumschwung gegen Ende des Psalms könnte ein gewaltiger Akt des Glaubens sein. Für das Judentum ist eine der zentralsten Stellen in der Thora die Selbstvorstellung Gottes im 2. Buch Mose, Kapitel 34. Dort zieht Gott auf dem Berg Sinai vor den Augen von Mose vorbei und ruft dabei: „Jahwe, Jahwe, Gott: barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Güte und Treue!“ (Exodus 34,6) Wer diese Worte zur Grundlage seines Glaubens macht und sich für radikales Vertrauen in Gott entscheidet, der kann selbst mitten in größter Not und Bedrängnis mit Zuversicht zu der Erkenntnis kommen: „Der Herr hört mein Flehen; mein Gebet nimmt der Herr an!“ Denn schließlich ist Gott barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Güte. Es kann also gar nicht anders sein.

Dazu passen die großen, etwas rätselhaften Worte Jesu über das Gebet aus Markus, Kapitel 11. Dort sagt Jesus: „Wenn ihr betet und um etwas bittet, dann glaubt, dass ihr es empfangen habt, und die Bitte wird euch erfüllt werden, was immer es auch sei.“ (Markus 11,24)

So will ich genau das nun versuchen: mit aller Kraft zu vertrauen und zu glauben, dass Gott auf die angemessene Weise mein Gebet erhört, hilfreich und heilsam, kraftvoll und lebensspendend. Einfach weil Gott barmherzig ist, gnädig, langmütig und reich an Güte.

Freiraum

Ach, HERR, strafe mich nicht in deinem Zorn!
HERR, sei mir gnädig, denn ich bin schwach;
heile mich, HERR, denn meine Gebeine sind erschrocken
und meine Seele ist sehr erschrocken. Ach du, HERR, wie lange!

Wende dich, HERR, und errette meine Seele,
hilf mir um deiner Güte willen!

Denn im Tode gedenkt man deiner nicht;
wer wird dich bei den Toten preisen?

Ich bin so müde vom Seufzen;
ich schwemme mein Bett die ganze Nacht
und netze mit meinen Tränen mein Lager.

Weichet von mir, alle Übeltäter;
denn der HERR hört mein Weinen.

Der HERR hört mein Flehen;
mein Gebet nimmt der HERR an.

So lade ich dich, Gott, nun ein, den Tag, der vor mir liegt, zu gestalten – in mir und mit mir.

Atme in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes denke.
Wirke in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes fühle!
Pulsiere in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes tue!
Dir gebe ich meinen Tag und mein Leben.
Erfülle mich mit deiner Kraft und mit deiner Liebe.
Heute. Und an allen Tagen. Und in Ewigkeit. Amen.
(nach Augustinus)