Psalm 10 – Teil I

Lebens Liturgien

Folge 73

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Herzlich Willkommen zu „Lebensliturgien für den Alltag“ – Staffel 3: KlosterPsalmen. Die 150 Psalmen der Bibel sind Herzstück aller klösterlichen Gebete. Sie sind bis oben hin angefüllt mit Leben: mit Glaube und Zweifel, Klage und Jubel, Hilflosigkeit und Übermut. Mithilfe der LebensLiturgien tauchen wir ein in die Welt der Psalmen und beten uns – wie im Kloster – Stück für Stück durch sie hindurch.

Jede LebensLiturgie beginnt und endet mit Gebeten, die immer gleichbleiben, Psalmtext und Impulse in der Mitte wechseln. Am intensivsten wirken die LebensLiturgien, wenn sie in Ruhe angehört werden. Und jetzt: viel Freude damit!

Zu Beginn meines Betens lege ich zur Seite, was mich beschäftigt und lasse es ruhig werden in mir.

Ich atme langsam und bewusst.

Und sammle meine Gedanken.

Herr, du bist hier. Jetzt. In diesem Moment.
Du schaust mich liebevoll an.

Ein Gebet von Benedikt von Nursia, Vater des Mönchtums, aus dem 6. Jahrhundert:

Verleih mir,
gütiger und heiliger Vater,
in deiner Huld:
einen Verstand, der dich versteht,
einen Sinn, der dich wahrnimmt,
einen Eifer, der dich sucht,
ein Herz, das dich liebt,
ein Tun, das dich verherrlicht,
eine Geduld, die auf dich harrt.
Amen

Aus Psalm 10

Herr, warum bist du so fern?

Stolz unterdrückt der Gottlose die Armen.
Sie werden Opfer seiner Anschläge.

Er prahlt damit, dass er so habgierig ist,
und lästert und verflucht den Herrn.
Der Gottlose sagt im Größenwahn: „Gott forscht nicht nach!“
Und im Stillen denkt er sich: „Es gibt keinen Gott.“

Sein Tun glückt ihm zu jeder Zeit;
deine Strafe hat er nicht im Blick,
und seine Feinde verachtet er nur.
Er sagt zu sich selbst: „Was kann mich schon erschüttern?
An mir geht jedes Unglück vorbei.“

Er lauert im Versteck wie ein Löwe im Dickicht,
er lauert darauf, den Schwachen zu fangen.
Er schlägt zu, und die Schwachen fallen,
sie erliegen seiner gewaltigen Kraft.

Erhebe dich, Herr! Bestrafe die Bösen, mein Gott!
Vergiss die Hilflosen nicht!
Warum dürfen die Bösen Gott fluchen?

Da schaut jemand mit den Gewissheiten der bisherigen Psalmen auf die Welt … und bekommt seinen Glauben, seine Gewissheiten mit der Welt, wie sie ist, nicht mehr zusammen. Er entdeckt: allzu oft scheint das Böse seine Strafe doch nicht in sich selber zu tragen. Und Gott als externe Gerechtigkeits-Macht greift ebenfalls nicht ein. Da werden Millionen gescheffelt, Mensch und Schöpfung rücksichtslos ausgebeutet, Geflüchtete nach Belieben in Lager gepfercht, Krankenhäuser in Bürgerkriegen von der eigenen Armee bombardiert … und nichts geschieht. Schreiendes Unrecht, schreiende Menschen … aber die Schreie verhallen … scheinbar ungehört.

Wann hat mich zuletzt Unrecht im großen Stil fast um den Verstand – oder wenigstens um ein paar Stunden Schlaf gebracht? Wo ist mir zuletzt Unrecht massiver Art begegnet? Wo entdecke ich gottlosen Größenwahn, Habgier und lustvolle Unterdrückung von Schwachen?

Freiraum

„Erhebe dich, Herr! Bestrafe die Bösen, mein Gott! Vergiss die Hilflosen nicht!“

Was, wenn dieses Gebet notwendig und wirksam ist? Wenn diese Worte nicht nur Ausdruck einer tiefen Sehnsucht sind, sondern zugleich Anleitung, wie wir beten sollen? Was, wenn mit jedem Gebet, das wir beten, Gottes Reich ein bisschen mehr kommt und sein Wille ein bisschen mehr geschieht? Wenn nicht nur das Tun des Gerechten einen Unterschied macht, sondern auch das Beten des Gerechten? Wenn durch meine Fürbitte einem Hilflosen geholfen und einem Bösen Einhalt geboten wird?

In der Stille trete ich vor Gott für eine ganz konkrete Unrechtssituation ein und bete: „Erhebe dich, Herr! Bestrafe die Bösen, mein Gott! Vergiss die Hilflosen nicht!“

Freiraum

Herr, warum bist du so fern?

Stolz unterdrückt der Gottlose die Armen.
Sie werden Opfer seiner Anschläge.

Er prahlt damit, dass er so habgierig ist,
und lästert und verflucht den Herrn.
Der Gottlose sagt im Größenwahn: „Gott forscht nicht nach!“
Und im Stillen denkt er sich: „Es gibt keinen Gott.“

Sein Tun glückt ihm zu jeder Zeit;
deine Strafe hat er nicht im Blick,
und seine Feinde verachtet er nur.
Er sagt zu sich selbst: „Was kann mich schon erschüttern?
An mir geht jedes Unglück vorbei.“

Er lauert im Versteck wie ein Löwe im Dickicht,
er lauert darauf, den Schwachen zu fangen.
Er schlägt zu, und die Schwachen fallen,
sie erliegen seiner gewaltigen Kraft.

Erhebe dich, Herr! Bestrafe die Bösen, mein Gott!
Vergiss die Hilflosen nicht!
Warum dürfen die Bösen Gott fluchen?

So lade ich dich, Gott, nun ein, den Tag, der vor mir liegt, zu gestalten – in mir und mit mir.

Atme in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes denke.
Wirke in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes fühle!
Pulsiere in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes tue!
Dir gebe ich meinen Tag und mein Leben.
Erfülle mich mit deiner Kraft und mit deiner Liebe.
Heute. Und an allen Tagen. Und in Ewigkeit. Amen.
(nach Augustinus)