Psalm 10 – Teil II

Lebens Liturgien

Folge 74

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Herzlich Willkommen zu „Lebensliturgien für den Alltag“ – Staffel 3: KlosterPsalmen. Die 150 Psalmen der Bibel sind Herzstück aller klösterlichen Gebete. Sie sind bis oben hin angefüllt mit Leben: mit Glaube und Zweifel, Klage und Jubel, Hilflosigkeit und Übermut. Mithilfe der LebensLiturgien tauchen wir ein in die Welt der Psalmen und beten uns – wie im Kloster – Stück für Stück durch sie hindurch.

Jede LebensLiturgie beginnt und endet mit Gebeten, die immer gleichbleiben, Psalmtext und Impulse in der Mitte wechseln. Am intensivsten wirken die LebensLiturgien, wenn sie in Ruhe angehört werden. Und jetzt: viel Freude damit!

Zu Beginn meines Betens lege ich zur Seite, was mich beschäftigt und lasse es ruhig werden in mir.

Ich atme langsam und bewusst.

Und sammle meine Gedanken.

Herr, du bist hier. Jetzt. In diesem Moment.
Du schaust mich liebevoll an.

Ein Gebet von Benedikt von Nursia, Vater des Mönchtums, aus dem 6. Jahrhundert:

Verleih mir,
gütiger und heiliger Vater,
in deiner Huld:
einen Verstand, der dich versteht,
einen Sinn, der dich wahrnimmt,
einen Eifer, der dich sucht,
ein Herz, das dich liebt,
ein Tun, das dich verherrlicht,
eine Geduld, die auf dich harrt.
Amen

Wir hören noch einmal die Worte aus Psalm 10. Worte, die zeigen, wie wenig Sinn die Welt, in der wir leben, oft ergibt. Worte, die uns spüren lassen, wie umkämpft und wie wenig selbstverständlich unser Glaube an einen guten, liebenden, machtvollen Gott ist.

Herr, warum bist du so fern?

Stolz unterdrückt der Gottlose die Armen.
Sie werden Opfer seiner Anschläge.

Er prahlt damit, dass er so habgierig ist,
und lästert und verflucht den Herrn.
Der Gottlose sagt im Größenwahn: „Gott forscht nicht nach!“
Und im Stillen denkt er sich: „Es gibt keinen Gott.“

Sein Tun glückt ihm zu jeder Zeit;
deine Strafe hat er nicht im Blick,
und seine Feinde verachtet er nur.
Er sagt zu sich selbst: „Was kann mich schon erschüttern?
An mir geht jedes Unglück vorbei.“

Er lauert im Versteck wie ein Löwe im Dickicht,
er lauert darauf, den Schwachen zu fangen.
Er schlägt zu, und die Schwachen fallen,
sie erliegen seiner gewaltigen Kraft.

Erhebe dich, Herr! Bestrafe die Bösen, mein Gott!
Vergiss die Hilflosen nicht!
Warum dürfen die Bösen Gott fluchen?

In jedem von uns Menschen wohnt ein tiefes Bedürfnis nach Sinn. Wir wollen verstehen, was wir erleben und beobachten. Wir wollen die Welt um uns herum begreifen und eine stimmige Erzählung finden für unser Leben. Wenn wir keine Sinnzusammenhänge mehr finden, drohen Depression und Verzweiflung.

In der Stille nehme ich mir Zeit, um auf mein Leben und auf die Welt um mich herum zu schauen. Was davon erlebe ich als stimmig und sinnvoll? Und was erscheint sinnlos? Wenn die Minute der Stille hierfür nicht reicht (was durchaus möglich ist), drücke ich auf Pause und verschaffe mir so die Zeit die ich hierfür brauche.

Freiraum

Psalm 10, dieser große Psalm über die Sinnlosigkeit der Welt, endet mit folgenden Worten:

Der Herr ist König für immer und ewig!
Herr, du hörst das Verlangen der Hilflosen.
Du verhilfst Waisen und Unterdrückten zu ihrem Recht
und machst aller Gewalt auf Erden ein Ende.

Am Ende des Psalms, am Ende all der bedrückenden Beobachtungen über die Sinnlosigkeit der Welt steht ein Bekenntnis des Glaubens. Ein Bekenntnis, das in direktem Widerspruch zu all dem steht, was bis dahin gesagt, gebetet und geklagt wurde.

Im Hebräerbrief, Kapitel 11, heißt es:

„Was ist nun also der Glaube? Er ist das Vertrauen darauf, dass das, was wir hoffen, sich erfüllen wird, und ein Nichtzweifeln an Wirklichkeiten, die man nicht sieht.“

(Hebräer 11,1)

Manchmal, wenn Sinnlosigkeit und Zweifel uns zu überwältigen drohen, hilft nur ein bewusster Akt des Glaubens. Das Aussprechen eines Bekenntnisses, das eigentlich zu groß ist für das eigene Herz.

Der Herr ist König für immer und ewig!
Herr, du hörst das Verlangen der Hilflosen.
Du verhilfst Waisen und Unterdrückten zu ihrem Recht
und machst aller Gewalt auf Erden ein Ende.

In der Stille spreche ich diese Worte innerlich nach. Bekenne, dass der Herr König ist für immer. Dass er das Verlangen der Hilflosen hört. Dass er Waisen und Unterdrückten zu ihrem Recht verhilft und aller Gewalt auf Erden ein Ende machen wird.

Freiraum

Herr, warum bist du so fern?

Stolz unterdrückt der Gottlose die Armen.
Sie werden Opfer seiner Anschläge.

Er prahlt damit, dass er so habgierig ist,
und lästert und verflucht den Herrn.
Der Gottlose sagt im Größenwahn: „Gott forscht nicht nach!“
Und im Stillen denkt er sich: „Es gibt keinen Gott.“

Sein Tun glückt ihm zu jeder Zeit;
deine Strafe hat er nicht im Blick,
und seine Feinde verachtet er nur.
Er sagt zu sich selbst: „Was kann mich schon erschüttern?
An mir geht jedes Unglück vorbei.“

Er lauert im Versteck wie ein Löwe im Dickicht,
er lauert darauf, den Schwachen zu fangen.
Er schlägt zu, und die Schwachen fallen,
sie erliegen seiner gewaltigen Kraft.

Erhebe dich, Herr! Bestrafe die Bösen, mein Gott!
Vergiss die Hilflosen nicht!
Warum dürfen die Bösen Gott fluchen?

So lade ich dich, Gott, nun ein, den Tag, der vor mir liegt, zu gestalten – in mir und mit mir.

Atme in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes denke.
Wirke in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes fühle!
Pulsiere in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes tue!
Dir gebe ich meinen Tag und mein Leben.
Erfülle mich mit deiner Kraft und mit deiner Liebe.
Heute. Und an allen Tagen. Und in Ewigkeit. Amen.
(nach Augustinus)