Psalm 11

Lebens Liturgien

Folge 75

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Herzlich Willkommen zu „Lebensliturgien für den Alltag“ – Staffel 3: KlosterPsalmen. Die 150 Psalmen der Bibel sind Herzstück aller klösterlichen Gebete. Sie sind bis oben hin angefüllt mit Leben: mit Glaube und Zweifel, Klage und Jubel, Hilflosigkeit und Übermut. Mithilfe der LebensLiturgien tauchen wir ein in die Welt der Psalmen und beten uns – wie im Kloster – Stück für Stück durch sie hindurch.

Jede LebensLiturgie beginnt und endet mit Gebeten, die immer gleichbleiben, Psalmtext und Impulse in der Mitte wechseln. Am intensivsten wirken die LebensLiturgien, wenn sie in Ruhe angehört werden. Und jetzt: viel Freude damit!

Zu Beginn meines Betens lege ich zur Seite, was mich beschäftigt und lasse es ruhig werden in mir.

Ich atme langsam und bewusst.

Und sammle meine Gedanken.

Herr, du bist hier. Jetzt. In diesem Moment.
Du schaust mich liebevoll an.

Ein Gebet von Benedikt von Nursia, Vater des Mönchtums, aus dem 6. Jahrhundert:

Verleih mir,
gütiger und heiliger Vater,
in deiner Huld:
einen Verstand, der dich versteht,
einen Sinn, der dich wahrnimmt,
einen Eifer, der dich sucht,
ein Herz, das dich liebt,
ein Tun, das dich verherrlicht,
eine Geduld, die auf dich harrt.
Amen

Und immer noch ist David, der Psalmbeter, nicht fertig mit seinem großen Thema Gerechtigkeit. Wir hören seine Worte aus Psalm 11:

Da! Die Gottlosen spannen den Bogen,
legen den Pfeil auf die Sehne,
um die, die aufrichtig sind, aus dem Dunkel zu treffen.

Ist die Grundordnung zerbrochen?
Was richtet da der Gerechte noch aus?

Der Herr ist in seinem heiligen Palast – im Himmel ist sein Thron.
Seine Augen schauen auf die Menschen herab,
keiner entgeht seinem prüfenden Blick.

Er wird die Gottlosen in tödliche Gefahren stürzen,
Feuer und Schwefel wird sie treffen,
und der heiße Wüstenwind verbrennt sie.

Denn der Herr ist gerecht, und er liebt gerechtes Handeln.
Wer aufrichtig ist, wird sein Angesicht sehen.

Die Ausdauer, mit der David, der Psalmbeter, das Thema Gerechtigkeit im Gebet bearbeitet, überrascht. Wieder und wieder arbeitet er sich daran ab, dass die Welt nicht so ist, wie sie doch eigentlich von Gott her sein sollte. Dass die Welt so furchtbar ungerecht ist.

Ich gebe zu: so oft und anhaltend beschäftigt mich das Thema Gerechtigkeit eher selten. Das könnte zum einen daran liegen, dass wir im Deutschland des 21. Jahrhunderts tatsächlich in einer gerechteren Gesellschaft leben als der Beter des Psalms damals vor gut 3000 Jahren. Wir leben in einer Demokratie mit Sozialstaat und Grundrechten, mit Gewaltenteilung, einer funktionierenden Polizei und wenig Korruption im Bereich der Justiz. Gewiss: Besser geht immer. Aber es gibt mehr als genug Gründe, das dankbar zu feiern, was wir haben.

In der Stille mache ich mir bewusst, welches Privileg ich habe, in unserem vergleichsweise gerechten Land zu leben. Ich führe mir vor Augen, was in unserem Land alles gut läuft, danke Gott dafür und trete in der Fürbitte für unsere Politiker und andere Verantwortungsträger aus Justiz, Polizei und Wirtschaft ein.

Freiraum

Dass wir in einer vergleichsweise gerechten Gesellschaft leben, können wir allerdings nur mit Blick auf unser Land behaupten. Sobald wir unser Land und unsere Art zu leben in die Welt als Ganzes einordnen, entdecken wir die Ungerechtigkeit an jeder Stelle. Die Folgen des Klimawandels, maßgeblich von unserer westlichen Art zu leben verursacht, treffen vor allem die Armen. Medikamente und Impf-Möglichkeiten sind furchtbar ungerecht verteilt. Gigatonnen von Müll und Elektroschrott, die bei uns anfallen, werden in ärmere Länder verschifft. Und so geht es weiter und weiter. Vielleicht beschäftige ich mich mit dem Thema Gerechtigkeit auch deshalb deutlich seltener als der Psalmbeter, weil ich nicht Opfer, sondern Täter von Ungerechtigkeit bin.

Der Herr ist in seinem heiligen Palast – im Himmel ist sein Thron.
Seine Augen schauen auf die Menschen herab,
keiner entgeht seinem prüfenden Blick.

Was sieht Gott bei mir, wenn er mich mit prüfendem Blick ansieht. In welche Ungerechtigkeiten bin ich verstrickt? Wie gehe ich damit um?

Freiraum

Da! Die Gottlosen spannen den Bogen,
legen den Pfeil auf die Sehne,
um die, die aufrichtig sind, aus dem Dunkel zu treffen.

Ist die Grundordnung zerbrochen?
Was richtet da der Gerechte noch aus?

Der Herr ist in seinem heiligen Palast – im Himmel ist sein Thron.
Seine Augen schauen auf die Menschen herab,
keiner entgeht seinem prüfenden Blick.

Er wird die Gottlosen in tödliche Gefahren stürzen,
Feuer und Schwefel wird sie treffen,
und der heiße Wüstenwind verbrennt sie.

Denn der Herr ist gerecht, und er liebt gerechtes Handeln.
Wer aufrichtig ist, wird sein Angesicht sehen.

So lade ich dich, Gott, nun ein, den Tag, der vor mir liegt, zu gestalten – in mir und mit mir.

Atme in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes denke.
Wirke in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes fühle!
Pulsiere in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes tue!
Dir gebe ich meinen Tag und mein Leben.
Erfülle mich mit deiner Kraft und mit deiner Liebe.
Heute. Und an allen Tagen. Und in Ewigkeit. Amen.
(nach Augustinus)