Psalm 12 – Teil I

Lebens Liturgien

Folge 76

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Herzlich Willkommen zu „Lebensliturgien für den Alltag“ – Staffel 3: KlosterPsalmen. Die 150 Psalmen der Bibel sind Herzstück aller klösterlichen Gebete. Sie sind bis oben hin angefüllt mit Leben: mit Glaube und Zweifel, Klage und Jubel, Hilflosigkeit und Übermut. Mithilfe der LebensLiturgien tauchen wir ein in die Welt der Psalmen und beten uns – wie im Kloster – Stück für Stück durch sie hindurch.

Jede LebensLiturgie beginnt und endet mit Gebeten, die immer gleichbleiben, Psalmtext und Impulse in der Mitte wechseln. Am intensivsten wirken die LebensLiturgien, wenn sie in Ruhe angehört werden. Und jetzt: viel Freude damit!

Zu Beginn meines Betens lege ich zur Seite, was mich beschäftigt und lasse es ruhig werden in mir.

Ich atme langsam und bewusst.

Und sammle meine Gedanken.

Herr, du bist hier. Jetzt. In diesem Moment.
Du schaust mich liebevoll an.

Ein Gebet von Benedikt von Nursia, Vater des Mönchtums, aus dem 6. Jahrhundert:

Verleih mir,
gütiger und heiliger Vater,
in deiner Huld:
einen Verstand, der dich versteht,
einen Sinn, der dich wahrnimmt,
einen Eifer, der dich sucht,
ein Herz, das dich liebt,
ein Tun, das dich verherrlicht,
eine Geduld, die auf dich harrt.
Amen

Aus Psalm 12

Hilf doch, Herr!
Denn es gibt keinen mehr, der zu dir hält,
und alle treuen Menschen sind verschwunden.

Jeder belügt jeden.
Mit ihren Worten schmeicheln sie,
aber im Herzen spielen sie ein falsches Spiel.

Soll der Herr doch alle diese Heuchler hinwegfegen,
diese Leute, die großspurig daherreden und sagen:
»Mit der Macht unserer Worte setzen wir uns durch;
niemand kommt gegen uns an,
mit unseren Reden können wir alles erreichen!«

Alle Worte des Herrn dagegen sind rein,
sie sind wie Silber, das im Schmelzofen geläutert
und siebenmal gereinigt wurde.

Du, Herr, wirst die Schwachen schützen,
du wirst sie für immer bewahren vor diesen Leuten,
die sich gegen dich auflehnen und sich überall breitmachen.

Ja, die Bosheit unter den Menschen nimmt zu!

Nehmen wir für diese Folge doch mal nur den Rahmen dieses Psalms. Er beginnt mit den Worten:

Hilf doch, Herr!
Denn es gibt keinen mehr, der zu dir hält,
und alle treuen Menschen sind verschwunden.

Und er endet mit den Worten:

Ja, die Bosheit unter den Menschen nimmt zu!

Ich merke, dass diese Worte ein zwiespältiges Echo in mir auslösen. Einerseits beginnt mein Kopf bei diesen Worten vorsichtig, aber doch nachdrücklich zu nicken: „Denn es gibt keinen mehr, der zu dir hält, und alle treuen Menschen sind verschwunden.“ Natürlich sind diese Worte mal wieder ein bisschen arg absolut, aber mir begegnen in meinem Alltag als Gemeindepfarrer tatsächlich erschütternd wenige Menschen, die sich voller Liebe, Hingabe und Treue so richtig ganz und gar zu Gott halten. So ein bisschen Glaube, so ein bisschen religiös-spirituelles Suchen und Fragen, das begegnet mir häufiger. Aber eine tiefe, innige Liebe zu Gott?

Und wenn ich die Zeitung aufschlage und mich Seite um Seite durch all die Probleme und Abgründe unserer Welt (und unseres Landes) lese, dann beschleicht auch mich das Gefühl: „Ja, die Bosheit unter den Menschen nimmt zu!“

Hilf doch, Herr!
Denn es gibt keinen mehr, der zu dir hält,
und alle treuen Menschen sind verschwunden.

Welches Echo lösen diese Worte bei mir aus? Wo erkenne ich Zeichen von Verfall und Bosheit? In der Stille komme ich mit Gott darüber ins Gespräch.

Freiraum

Das eine Echo in mir auf diese Worte ist also Zustimmung. Ich merke aber zugleich, wie mich diese Worte ärgern. Die Haltung „Früher war alles besser. Heutzutage geht alles nur noch bergab!“ Welches „Früher“ soll damit gemeint sein? Wann war sie mal wirklich gut, die „gute alte Zeit“?

Wenn ich über frühere Jahrzehnte oder Jahrhunderte lese, begegnen mir zwar tatsächlich Aspekte, bei denen ich denke: „Das war schon auch gut damals. Dies oder jenes war besser, klarer, einfacher als heute.“ Aber zugleich begegnen mir Abgründe, von denen ich froh bin, dass wir sie überwunden haben. Was war beispielsweise gut an Machtexzessen der Kirche im Mittelalter wie Hexenverfolgung oder Kreuzzüge? Was war gut am großen konfessionell geführten Dreißigjährigen Krieg im Nachklang zur Reformation? Was war gut an der – zum Teil christlich legitimierten – Sklaverei in den USA, die erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verboten wurde? Was war gut an den beiden Weltkriegen, in denen die offiziellen Kirchen Waffen gesegnet haben?

Hilf doch, Herr!
Denn es gibt keinen mehr, der zu dir hält,
und alle treuen Menschen sind verschwunden.

Wo widerspreche ich diesen Worten? Wo entdecke ich positive Entwicklungen in unserer Zeit? Für welche Entwicklungen will ich Gott danken?

Freiraum

Hilf doch, Herr!
Denn es gibt keinen mehr, der zu dir hält,
und alle treuen Menschen sind verschwunden.

Jeder belügt jeden.
Mit ihren Worten schmeicheln sie,
aber im Herzen spielen sie ein falsches Spiel.

Soll der Herr doch alle diese Heuchler hinwegfegen,
diese Leute, die großspurig daherreden und sagen:
»Mit der Macht unserer Worte setzen wir uns durch;
niemand kommt gegen uns an,
mit unseren Reden können wir alles erreichen!«

Alle Worte des Herrn dagegen sind rein,
sie sind wie Silber, das im Schmelzofen geläutert
und siebenmal gereinigt wurde.

Du, Herr, wirst die Schwachen schützen,
du wirst sie für immer bewahren vor diesen Leuten,
die sich gegen dich auflehnen und sich überall breitmachen.

Ja, die Bosheit unter den Menschen nimmt zu!

So lade ich dich, Gott, nun ein, den Tag, der vor mir liegt, zu gestalten – in mir und mit mir.

Atme in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes denke.
Wirke in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes fühle!
Pulsiere in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes tue!
Dir gebe ich meinen Tag und mein Leben.
Erfülle mich mit deiner Kraft und mit deiner Liebe.
Heute. Und an allen Tagen. Und in Ewigkeit. Amen.
(nach Augustinus)