Psalm 12 – Teil II

Lebens Liturgien

Folge 77

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Herzlich Willkommen zu „Lebensliturgien für den Alltag“ – Staffel 3: KlosterPsalmen. Die 150 Psalmen der Bibel sind Herzstück aller klösterlichen Gebete. Sie sind bis oben hin angefüllt mit Leben: mit Glaube und Zweifel, Klage und Jubel, Hilflosigkeit und Übermut. Mithilfe der LebensLiturgien tauchen wir ein in die Welt der Psalmen und beten uns – wie im Kloster – Stück für Stück durch sie hindurch.

Jede LebensLiturgie beginnt und endet mit Gebeten, die immer gleichbleiben, Psalmtext und Impulse in der Mitte wechseln. Am intensivsten wirken die LebensLiturgien, wenn sie in Ruhe angehört werden. Und jetzt: viel Freude damit!

Zu Beginn meines Betens lege ich zur Seite, was mich beschäftigt und lasse es ruhig werden in mir.

Ich atme langsam und bewusst.

Und sammle meine Gedanken.

Herr, du bist hier. Jetzt. In diesem Moment.
Du schaust mich liebevoll an.

Ein Gebet von Benedikt von Nursia, Vater des Mönchtums, aus dem 6. Jahrhundert:

Verleih mir,
gütiger und heiliger Vater,
in deiner Huld:
einen Verstand, der dich versteht,
einen Sinn, der dich wahrnimmt,
einen Eifer, der dich sucht,
ein Herz, das dich liebt,
ein Tun, das dich verherrlicht,
eine Geduld, die auf dich harrt.
Amen

Aus Psalm 12

Hilf doch, Herr!
Denn es gibt keinen mehr, der zu dir hält,
und alle treuen Menschen sind verschwunden.

Jeder belügt jeden.
Mit ihren Worten schmeicheln sie,
aber im Herzen spielen sie ein falsches Spiel.

Soll der Herr doch alle diese Heuchler hinwegfegen,
diese Leute, die großspurig daherreden und sagen:
»Mit der Macht unserer Worte setzen wir uns durch;
niemand kommt gegen uns an,
mit unseren Reden können wir alles erreichen!«

Alle Worte des Herrn dagegen sind rein,
sie sind wie Silber, das im Schmelzofen geläutert
und siebenmal gereinigt wurde.

Du, Herr, wirst die Schwachen schützen,
du wirst sie für immer bewahren vor diesen Leuten,
die sich gegen dich auflehnen und sich überall breitmachen.

Ja, die Bosheit unter den Menschen nimmt zu!

Wie schon in Psalm 5 dreht sich auch in diesem Psalm fast alles um die Macht der Worte. Und tatsächlich haben Worte gewaltige Kraft – im Guten wie im Schlechten. Robert Spaemann schreibt: „Die menschliche Rede ist imstande, die wahre Welt zum Verschwinden zu bringen. Alle Dinge sind zwar, wie sie sind. Aber das Wort kann das, was ist, umlügen. Der Lügner ist auf eine perverse Art schöpferisch – er erfindet eine eigene Welt. Mit seinen Worten gewinnt er Macht über den anderen. Er manipuliert dessen Vorstellungen über die Wirklichkeit und kann so sein Handeln steuern.“

Hinter diesen Worten steckt die Erkenntnis, dass wir die Wirklichkeit um uns herum immer nur durch eine bestimmte Brille wahrnehmen: durch bestimmte Worte und Begriffe, durch bestimmte Vorannahmen und Grundüberzeugungen hindurch. Und diese Brille, durch die wir die Wirklichkeit wahrnehmen, ist manipulierbar. Viele sind sich sicher, dass der Klimawandel menschengemacht ist, andere behaupten das Gegenteil. Viele halten die meisten Maßnahmen im Kampf gegen Corona für sinnvoll und notwendig, andere halten genau das gleiche für böswillige Freiheitsberaubung. Zum Teil liegt das an unterschiedlichen Grundüberzeugungen, zum Teil wird aber auch ganz bewusst manipuliert. Die wahre Welt wird zum Verschwinden gebracht, wird durch Worte umgelogen.

Soll der Herr doch alle diese Heuchler hinwegfegen,
diese Leute, die großspurig daherreden und sagen:
»Mit der Macht unserer Worte setzen wir uns durch;
niemand kommt gegen uns an,
mit unseren Reden können wir alles erreichen!«

Was sind meine Grundüberzeugungen, mit denen ich auf die Welt schaue? Was steht für mich unumstößlich fest? Und wo weiß ich nicht so recht, was ich glauben soll? Wo könnte mein Blick auf die Welt manipuliert sein? In der Stille komme ich mit Gott darüber ins Gespräch.

Freiraum

Jetzt sind wir nicht nur an der ein oder anderen Stelle möglicherweise Opfer von Manipulation, nein: wir haben auch die Fähigkeit, selber andere mithilfe von Worten zu manipulieren. Wie leicht rutschen wir ab in die Lüge, drehen geschickt ein bisschen an der Wahrheit, lassen ein paar Details weg oder behaupten sogar steif und fest das Gegenteil von dem, was tatsächlich war.

Jeder belügt jeden.
Mit ihren Worten schmeicheln sie,
aber im Herzen spielen sie ein falsches Spiel.

Gibt es Bereiche in meinem Leben, in denen ich ein falsches Spiel spiele? Wo ich nicht ganz ehrlich mit anderen bin? Oder wo ich mir selbst in die Tasche lüge? Wo ich mir selbst etwas vormache? In der Stille halte ich diese schmerzhaften Bereiche in Gottes Licht und lasse mir von Gott zeigen, was ich tun oder sagen soll.

Freiraum

Hilf doch, Herr!
Denn es gibt keinen mehr, der zu dir hält,
und alle treuen Menschen sind verschwunden.

Jeder belügt jeden.
Mit ihren Worten schmeicheln sie,
aber im Herzen spielen sie ein falsches Spiel.

Soll der Herr doch alle diese Heuchler hinwegfegen,
diese Leute, die großspurig daherreden und sagen:
»Mit der Macht unserer Worte setzen wir uns durch;
niemand kommt gegen uns an,
mit unseren Reden können wir alles erreichen!«

Alle Worte des Herrn dagegen sind rein,
sie sind wie Silber, das im Schmelzofen geläutert
und siebenmal gereinigt wurde.

Du, Herr, wirst die Schwachen schützen,
du wirst sie für immer bewahren vor diesen Leuten,
die sich gegen dich auflehnen und sich überall breitmachen.

Ja, die Bosheit unter den Menschen nimmt zu!

So lade ich dich, Gott, nun ein, den Tag, der vor mir liegt, zu gestalten – in mir und mit mir.

Atme in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes denke.
Wirke in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes fühle!
Pulsiere in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes tue!
Dir gebe ich meinen Tag und mein Leben.
Erfülle mich mit deiner Kraft und mit deiner Liebe.
Heute. Und an allen Tagen. Und in Ewigkeit. Amen.
(nach Augustinus)