Psalm 19 – Teil II

Lebens Liturgien

Folge 100

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Herzlich Willkommen zu „Lebensliturgien für den Alltag“ – Staffel 3: KlosterPsalmen. Die 150 Psalmen der Bibel sind Herzstück aller klösterlichen Gebete. Sie sind bis oben hin angefüllt mit Leben: mit Glaube und Zweifel, Klage und Jubel, Hilflosigkeit und Übermut. Mithilfe der LebensLiturgien tauchen wir ein in die Welt der Psalmen und beten uns – wie im Kloster – Stück für Stück durch sie hindurch.

Jede LebensLiturgie beginnt und endet mit Gebeten, die immer gleichbleiben, Psalmtext und Impulse in der Mitte wechseln. Am intensivsten wirken die LebensLiturgien, wenn sie in Ruhe angehört werden. Und jetzt: viel Freude damit!

Zu Beginn meines Betens lege ich zur Seite, was mich beschäftigt und lasse es ruhig werden in mir.

Ich atme langsam und bewusst.

Und sammle meine Gedanken.

Herr, du bist hier. Jetzt. In diesem Moment.
Du schaust mich liebevoll an.

Ein Gebet von Benedikt von Nursia, Vater des Mönchtums, aus dem 6. Jahrhundert:

Verleih mir,
gütiger und heiliger Vater,
in deiner Huld:
einen Verstand, der dich versteht,
einen Sinn, der dich wahrnimmt,
einen Eifer, der dich sucht,
ein Herz, das dich liebt,
ein Tun, das dich verherrlicht,
eine Geduld, die auf dich harrt.
Amen

Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes,
das Firmament verkündigt das Werk seiner Hände.
Ein Tag erzählt es dem anderen,
und eine Nacht teilt es der anderen mit.
Ohne Sprache und ohne Worte, lautlos ist ihre Stimme.
Und doch geht ein Klingen über die Erde, ein Raunen bis ans Ende der Welt.

Er hat der Sonne ein Zelt am Himmel gemacht;
wie ein Bräutigam am Hochzeitstag kommt sie hervor,
wie ein strahlender Sieger betritt sie die Bahn.
An einem Ende des Himmels geht sie auf
und läuft hinüber bis zum anderen Rand.
Nichts bleibt vor ihrem feurigen Auge verborgen.

Das Gesetz des HERRN ist vollkommen,
es stärkt und erfrischt die Seele.
Was der HERR in seinem Wort bezeugt,
darauf kann man sich verlassen,
auch einem Unerfahrenen wird dadurch Weisheit geschenkt.
Die Gebote des Herrn sind richtig und erfreuen das Herz.
Die Vorschriften des Herrn sind klar und schenken Einsicht.
Wertvoller als Gold sind sie und süßer als Honig.

HERR, auch ich, dein Diener, lasse mich durch sie zurechtweisen;
sie zu befolgen bringt großen Lohn.
Wer kann schon merken, wie oft er falsch handelt?
Vergib mir auch die verborgene Schuld!
Und halte mich vor dem Hochmut zurück,
dass er nie über mich herrscht!
Dann stehe ich ohne Tadel da
und werde vor großem Unrecht bewahrt.

Mögen die Worte, die ich sage,
und die Gedanken, die ich fasse,
dir gefallen, HERR,
mein Fels und mein Erlöser.

Ich hänge noch ein bisschen an dem Thema der letzten Folge: Gott als die Ur-Schönheit, als der, der sich in der Schönheit dieses Psalms, aber auch in der Schönheit von Musik, Kunst und Kirchen offenbart. Gott als der Schöne und Herrliche …

Wenn wir als Christen davon ausgehen, dass Gott sich in Jesus auf einzigartige Weise gezeigt, also offenbart hat, stellt sich die Frage: War Jesus eigentlich schön?

Im Beginn des Johannesevangeliums heißt es: „Am Anfang war das Wort. Und er (= Jesus), der das Wort ist, wurde ein Mensch von Fleisch und Blut und lebte unter uns. Und wir sahen seine Herrlichkeit (= seine Schönheit), eine Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1,1.14)

In Jesus gewinnt Gottes Schönheit also menschliche Gestalt. Immer wieder wird im Neuen Testament von der Anziehungskraft Jesu berichtet. Menschen sind von überall zu ihm geströmt, wollten ihn sehen, hören, erleben. In Jesus, in seinen Worten, in seinen Taten und in seinem Wesen war Gottes Herrlichkeit, war Gottes Schönheit zuhause.

In der Stille lasse ich Jesus vor meinem inneren Auge lebendig werden: was an ihm zieht mich an?

Freiraum

Jesus war also schön. Zugleich aber verbindet das Neue Testament Jesus an einigen Stellen mit prophetischen Worten aus Jesaja. Dort heißt es: „Sein Äußeres war weder schön noch majestätisch, da war nichts Gewinnendes, das uns gefallen hätte. Er wurde verachtet und von den Menschen abgelehnt – ein Mann der Schmerzen, mit Krankheit vertraut, jemand, vor dem man sein Gesicht verbirgt. Er war verachtet und bedeutete uns nichts. (…) Wir dachten, er wäre von Gott geächtet, geschlagen und erniedrigt! Doch wegen unserer Vergehen wurde er durchbohrt, wegen unserer Übertretungen zerschlagen. Er wurde gestraft, damit wir Frieden haben. Durch seine Wunden sind wir geheilt!“ (Jesaja 53, 2-5)

Jesus war einerseits zutiefst anziehend und voller Schönheit und Kraft. Und zugleich ist Jesus einen furchtbaren Tod gestorben. Wurde verhaftet, angespuckt, gefoltert, verspottet und schließlich langsam und qualvoll am Kreuz hingerichtet.

Ja was denn nun? War Jesus nun schön oder nicht?

Kardinal Carlo Maria Martini schreibt: „Die Schönheit Jesu ist die Liebe. Die Schönheit Jesu erfährt, wer sich von ihm lieben lässt und ihm sein ganzes Herz schenkt, damit Jesus es mit seiner Gegenwart durchströme.“

Die Liebe ist also die eigentliche und tiefste Form von Schönheit. Alles was wirklich schön ist, wurde mit Liebe geschaffen. Die Natur ist deshalb so schön, weil Gott sie mit einem Herz voller Liebe erschaffen hat. Musik und Kunst sind dann schön, wenn der Künstler sein ganzes Inneres, seine ganze Liebe in das Werk gelegt hat.

Liebe ist der Kern jeder Schönheit. Und Liebe gibt es nicht ohne Verletzlichkeit. Wer liebt, kann zurückgewiesen, missverstanden oder verletzt werden. Auch Gottes Liebe zu uns Menschen wird oft von uns zurückgewiesen oder missverstanden. Aus diesem Grund begegnen wir der Schönheit Jesu sowohl während seines Lebens, als er voller Kraft Menschen geheilt, begeistert, inspiriert und in seine Nachfolge gerufen hat. Und wir begegnen der Schönheit Jesu am Kreuz, in seinem Leiden und Sterben. Weil wir darin erkennen, wie weit Gottes Liebe zu uns geht. Die Arme Jesu am Kreuz sind weit ausgebreitet. Am Kreuz umarmt uns Jesus – mit all unseren Gegensätzen und Abgründen. Deshalb ist Jesus zutiefst schön.

In der Stille lasse ich die ganze Schönheit und Liebe Jesu auf mich wirken.

Freiraum

Worte aus dem 1. Korintherbrief, Kapitel 13:

Liebe ist geduldig, Liebe ist freundlich.
Sie kennt keinen Neid,
sie spielt sich nicht auf, sie ist nicht eingebildet.
Sie verhält sich nicht taktlos,
sie sucht nicht den eigenen Vorteil,
sie verliert nicht die Beherrschung,
sie trägt keinem etwas nach.
Sie freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht,
aber wo die Wahrheit siegt, freut sie sich mit.
Alles erträgt sie, in jeder Lage glaubt sie, immer hofft sie, allem hält sie stand.
Die Liebe vergeht niemals.

So lade ich dich, Gott, nun ein, den Tag, der vor mir liegt, zu gestalten – in mir und mit mir.

Atme in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes denke.
Wirke in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes fühle!
Pulsiere in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes tue!
Dir gebe ich meinen Tag und mein Leben.
Erfülle mich mit deiner Kraft und mit deiner Liebe.
Heute. Und an allen Tagen. Und in Ewigkeit. Amen.
(nach Augustinus)