Psalm 19 – Teil IV

Lebens Liturgien

Folge 102

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Herzlich Willkommen zu „Lebensliturgien für den Alltag“ – Staffel 3: KlosterPsalmen. Die 150 Psalmen der Bibel sind Herzstück aller klösterlichen Gebete. Sie sind bis oben hin angefüllt mit Leben: mit Glaube und Zweifel, Klage und Jubel, Hilflosigkeit und Übermut. Mithilfe der LebensLiturgien tauchen wir ein in die Welt der Psalmen und beten uns – wie im Kloster – Stück für Stück durch sie hindurch.

Jede LebensLiturgie beginnt und endet mit Gebeten, die immer gleichbleiben, Psalmtext und Impulse in der Mitte wechseln. Am intensivsten wirken die LebensLiturgien, wenn sie in Ruhe angehört werden. Und jetzt: viel Freude damit!

Zu Beginn meines Betens lege ich zur Seite, was mich beschäftigt und lasse es ruhig werden in mir.

Ich atme langsam und bewusst.

Und sammle meine Gedanken.

Herr, du bist hier. Jetzt. In diesem Moment.
Du schaust mich liebevoll an.

Ein Gebet von Benedikt von Nursia, Vater des Mönchtums, aus dem 6. Jahrhundert:

Verleih mir,
gütiger und heiliger Vater,
in deiner Huld:
einen Verstand, der dich versteht,
einen Sinn, der dich wahrnimmt,
einen Eifer, der dich sucht,
ein Herz, das dich liebt,
ein Tun, das dich verherrlicht,
eine Geduld, die auf dich harrt.
Amen

Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes,
das Firmament verkündigt das Werk seiner Hände.
Ein Tag erzählt es dem anderen,
und eine Nacht teilt es der anderen mit.
Ohne Sprache und ohne Worte, lautlos ist ihre Stimme.
Und doch geht ein Klingen über die Erde, ein Raunen bis ans Ende der Welt.

Er hat der Sonne ein Zelt am Himmel gemacht;
wie ein Bräutigam am Hochzeitstag kommt sie hervor,
wie ein strahlender Sieger betritt sie die Bahn.
An einem Ende des Himmels geht sie auf
und läuft hinüber bis zum anderen Rand.
Nichts bleibt vor ihrem feurigen Auge verborgen.

Das Gesetz des HERRN ist vollkommen,
es stärkt und erfrischt die Seele.
Was der HERR in seinem Wort bezeugt,
darauf kann man sich verlassen,
auch einem Unerfahrenen wird dadurch Weisheit geschenkt.
Die Gebote des Herrn sind richtig und erfreuen das Herz.
Die Vorschriften des Herrn sind klar und schenken Einsicht.
Wertvoller als Gold sind sie und süßer als Honig.

HERR, auch ich, dein Diener, lasse mich durch sie zurechtweisen;
sie zu befolgen bringt großen Lohn.
Wer kann schon merken, wie oft er falsch handelt?
Vergib mir auch die verborgene Schuld!
Und halte mich vor dem Hochmut zurück,
dass er nie über mich herrscht!
Dann stehe ich ohne Tadel da
und werde vor großem Unrecht bewahrt.

Mögen die Worte, die ich sage,
und die Gedanken, die ich fasse,
dir gefallen, HERR,
mein Fels und mein Erlöser.

Es wirkt, als ob da ein Bruch im Psalm wäre. Gerade eben staunt der Psalmbeter noch über den Himmel und wie die Sonne strahlend dort ihre Bahn zieht, dann, plötzlich und ansatzlos fährt er fort:

Das Gesetz des HERRN ist vollkommen,
es stärkt und erfrischt die Seele.
Was der HERR in seinem Wort bezeugt,
darauf kann man sich verlassen,
auch einem Unerfahrenen wird dadurch Weisheit geschenkt.
Die Gebote des Herrn sind richtig und erfreuen das Herz.
Die Vorschriften des Herrn sind klar und schenken Einsicht.
Wertvoller als Gold sind sie und süßer als Honig.

Vielleicht ist dem Beter von Psalm 19 ja ein bisschen mulmig geworden mit Blick auf die von ihm so eindrücklich besungene Verkündigungskraft der Natur. Denn natürlich erzählt ein Sonnenaufgang von der Herrlichkeit Gottes – genauso wie der Tanz eines Schmetterlings. Aber was ist mit einem zerstörerischen Sturm? Oder mit Hochwasser? Was ist mit katastrophalen Dürren und Heuschreckenschwärmen? Und was mit all dem unbarmherzigen Fressen und Gefressen-Werden in der Tierwelt? Verkündigt all das ebenfalls die Herrlichkeit Gottes?

Im Bereich unserer Lebenserfahrungen stoßen wir auf eine ähnliche Ambivalenz. Auf der einen Seite entdecken wir in unserem Leben eine ganze Reihe von Erlebnissen und Geschenken, die laut und froh und deutlich von der Herrlichkeit Gottes erzählen, von seiner Güte, seiner Nähe und seiner Fürsorge. Aber dann gibt es eben immer wieder auch Schicksalsschläge und andere Zumutungen, die genau das Gegenteil zu verkünden scheinen: dass Gott Lichtjahre weit weg ist, falls es ihn denn überhaupt gibt.

Was verkündigt mir mein derzeitiges Leben über Gott? Wie würde ich Gott beschreiben, wenn ich als Grundlage dafür nur mein eigenes Leben und meinen Blick auf das Geschehen in der Welt hätte?

Freiraum

Wir merken: die Verkündigungskraft von Natur und Leben ist begrenzt. Einfach weil wir als beschädigte Menschen in einer beschädigten Welt leben: um uns herum gibt es jede Menge Gutes und jede Menge Schlechtes, in unserer Welt gibt es jede Menge Wunderbares und jede Menge Furchtbares.

Wenn Gott ganz und gar heil und unbeschädigt ist, können wir sein Wesen nicht aus unserer beschädigten Welt herauslesen. Wir brauchen dann einen direkteren Zugang zu ihm, ein klareres Fenster zum Himmel als die Natur oder unser menschliches Erleben. Und genau das findet der Psalmbeter im biblischen Wort:

Was der HERR in seinem Wort bezeugt,
darauf kann man sich verlassen.

Es ist tiefe christliche Überzeugung, dass wir die Worte der Bibel brauchen, um Gott möglichst klar und deutlich erkennen zu können. Die biblischen Worte ergänzen und vertiefen die Verkündigungskraft von Natur und Lebenserfahrung – und korrigieren diese, wo durch sie alleine ein schräges Zerrbild von Gott entsteht.

In der Stille schaue ich auf meinen Glauben: welche biblischen Worte, aber auch welche Naturerlebnisse und Lebenserfahrungen haben in meinen Gottesbild tiefe Spuren hinterlassen?

Freiraum

Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes,
das Firmament verkündigt das Werk seiner Hände.
Ein Tag erzählt es dem anderen,
und eine Nacht teilt es der anderen mit.
Ohne Sprache und ohne Worte, lautlos ist ihre Stimme.
Und doch geht ein Klingen über die Erde, ein Raunen bis ans Ende der Welt.

Er hat der Sonne ein Zelt am Himmel gemacht;
wie ein Bräutigam am Hochzeitstag kommt sie hervor,
wie ein strahlender Sieger betritt sie die Bahn.
An einem Ende des Himmels geht sie auf
und läuft hinüber bis zum anderen Rand.
Nichts bleibt vor ihrem feurigen Auge verborgen.

Das Gesetz des HERRN ist vollkommen,
es stärkt und erfrischt die Seele.
Was der HERR in seinem Wort bezeugt,
darauf kann man sich verlassen,
auch einem Unerfahrenen wird dadurch Weisheit geschenkt.
Die Gebote des Herrn sind richtig und erfreuen das Herz.
Die Vorschriften des Herrn sind klar und schenken Einsicht.
Wertvoller als Gold sind sie und süßer als Honig.

HERR, auch ich, dein Diener, lasse mich durch sie zurechtweisen;
sie zu befolgen bringt großen Lohn.
Wer kann schon merken, wie oft er falsch handelt?
Vergib mir auch die verborgene Schuld!
Und halte mich vor dem Hochmut zurück,
dass er nie über mich herrscht!
Dann stehe ich ohne Tadel da
und werde vor großem Unrecht bewahrt.

Mögen die Worte, die ich sage,
und die Gedanken, die ich fasse,
dir gefallen, HERR,
mein Fels und mein Erlöser.

So lade ich dich, Gott, nun ein, den Tag, der vor mir liegt, zu gestalten – in mir und mit mir.

Atme in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes denke.
Wirke in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes fühle!
Pulsiere in mir, Heiliger Geist, dass ich heute Gutes tue!
Dir gebe ich meinen Tag und mein Leben.
Erfülle mich mit deiner Kraft und mit deiner Liebe.
Heute. Und an allen Tagen. Und in Ewigkeit. Amen.
(nach Augustinus)