Eine Viertelstunde Teresa – Teil 4

Lebens Liturgien

Folge 150

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Herzlich Willkommen zu „Lebensliturgien für den Alltag“ – Staffel 4: Teresa erzählt. Zum Abschluss der Staffel erscheinen hier die biografischen Teile der letzten vierzig Folgen zu Teresa von Avila noch einmal hübsch verpackt in Viertelstunden-Häppchen – zum Erinnern, Vertiefen, Nochmal-Freuen und Weiterdenken. Und jetzt: viel Freude damit!

Das eine, was Teresa mit innerem Beten meint, ist also die innere Haltung, mit der wir beim Gebet wirklich Gott meinen. Es geht ihr um ein inneres Mit-Gott-in-Kontakt-kommen und Mit-ihm-in-Kontakt-bleiben.

In anderen Zusammenhängen meint Teresa mit innerem Beten allerdings stärker eine ganz bestimmte Gebetsform, ein ganz bestimmtes inneres Gebetserleben, das sich in mehreren Stufen vollzieht. Mit diesem Stufenmodell versucht Teresa, ihre eigene Erfahrung beim Beten zu ordnen und anderen Hilfestellungen zu geben. Sie nennt vier Stufen.

Stufe eins wird von ihr das“ betrachtende Gebet“ genannt. Anfänger starten auf dieser Stufe. Auf dieser Stufe müssen unser Verstand und unser Herz etwas tun, wir müssen innerlich „arbeiten“, uns sammeln, uns bewusst auf Jesus ausrichten und eine Bibelstelle oder eine bestimmte Grundwahrheit des Glaubens mit dem Herzen umkreisen und verkosten – also meditieren.

Nach einiger Zeit schenkt Gott dann irgendwann ein neues Erleben, ein neues Stadium. Gott beginnt, uns auf übernatürliche Weise mit einer inneren Ruhe und einem inneren Frieden zu erfüllen, dass unser eigenes Bemühen um Meditation zurücktritt und wir viel stärker Empfangende als Arbeitende sind. Teresa nennt diese zweite Stufe das „Gebet der Ruhe“.

Die nächsten beiden Stufen nennt Teresa das „Gebet der Gotteinung“ und die „ekstatische Gotteinung“: hier erzählt sie von intensiv mystischen, zum Teil sogar ekstatischen Erfahrungen des Einsseins mit Gott. Hier eine kleine Kostprobe aus Stufe vier:

„Hier nimmt man nichts wahr, sondern genießt nur, ohne zu erkennen, was man genießt. Man erkennt zwar, dass man ein Gut genießt, in das alle anderen Güter eingeschlossen sind, doch erfasst man dieses Gut nicht. Es sind alle Sinne mit diesem Genuss beschäftigt, so dass keiner mehr frei ist, um sich mit etwas anderem beschäftigen zu können, weder mit Äußerem noch mit Innerem.
Das Wie dieses Gebets, das man als Gotteinung bezeichnet, und was es ist, das weiß ich nicht verständlich zu machen. Intellekt, Seele und Geist scheinen hier ein und dasselbe zu sein, auch wenn die Seele manchmal außer sich gerät, wie ein Feuer, das brennt und Flammen schlägt, und dieses Feuer manchmal plötzlich stark auflodert. Die Flamme schießt dann ganz hoch über das Feuer hinaus, doch ist sie deswegen nicht etwas anderes, sondern immer noch dieselbe Flamme, die im Feuer ist.“

Über viele Jahrhunderte hinweg spielte die menschliche Seele eine zentrale Rolle in Glaube, Theologie und Kirche. Zum einen stand sie lange für das Innerste des Menschen, das von Sünde und Schuld zerbrochen und von Gott getrennt ist. In dieser Lesart sind wir „verlorene Seelen“, die von Jesus her Rettung und Heilung brauchen – und tatsächlich auch bekommen, wenn wir sie zulassen, wenn wir sie im Glauben an uns geschehen lassen, die Rettung und die Heilung.

Die Seele ist in der mystischen Tradition aber zugleich ein bestimmter Ort in unserem Inneren: sie ist das Zentrum unseres Seins und damit auch der Ort, wo Gott und ich uns begegnen. Dieses Bild von einem heiligen innersten Ort in uns, in dem Christus dauerhaft Wohnung nimmt, wenn wir uns ihm zuwenden, ist im westlich-christlichen Denken weitgehend verloren gegangen. Wir haben – wenn es gut geht – durchaus Kontakt zu unseren inneren Emotionen und Bedürfnissen, dass es da in uns aber noch einen ganz besonderen Ort gibt, ist weithin unbekannt.

Peter Dyckhoff schreibt: „Leider ist nur wenigen Menschen die Schönheit ihrer Seele einsehbar. Das ist der Grund, warum sie selten in der Lage sind, die Schönheit ihrer Seele zu pflegen und zu bewahren. Viele Menschen sind zwar von der Existenz ihrer Seele überzeugt, doch sind sie so mit äußeren Dingen beschäftigt, dass es ihnen unmöglich scheint, in ihr Inneres einzukehren. Bestimmte Gewohnheiten, Abhängigkeit von anderen Menschen oder materiellen Dingen, ungezügelte Leidenschaften oder gar blinde Arbeitswut lassen diesen Schritt vorerst nicht zu. Gott jedoch möchte sich uns im Grunde der Seele mitteilen, indem er uns dort vielfache Gnaden zuströmen lässt.“

Teresa vergleicht die Seele mit einem Garten:

„Ich muss mir mit einem Vergleich helfen. Einer, der mit dem inneren Beten anfängt, muss sich bewusst machen, dass er beginnt, auf ganz unfruchtbarem Boden, der von ganz schlimmem Unkraut durchwuchert ist, einen Garten anzulegen, an dem sich der Herr erfreuen soll. Seine Majestät reißt das Unkraut heraus und muss dafür die guten Pflanzen einsetzen. Stellen wir uns nun vor, dass dies bereits geschehen ist, wenn sich ein Mensch zum inneren Beten entschließt und schon begonnen hat, es zu halten. Mit Gottes Hilfe haben wir als gute Gärtner nun dafür zu sorgen, dass diese Pflanzen wachsen, und uns darum zu kümmern, sie zu gießen, damit sie nicht eingehen, sondern so weit kommen, um Blüten hervorzubringen, die herrlich duften, um diesem unseren Herrn Erholung zu schenken und er folglich oftmals komme.“

Wer – wie Teresa und andere Mystiker – den Weg des inneren Betens gehen möchte, beginnt am besten mit Stille.

„Das erste, was uns seine Majestät über das Gebet lehrt, ist, dass wir in die Stille gehen müssen. Er selbst pflegte in der Einsamkeit zu beten. Wir müssen in die Stille gehen, damit wir verstehen, mit wem wir zusammen sind.“

Warum ist Stille so kraftvoll und so zentral?

Sicher zum einen einfach, damit wir uns sammeln und vorbereiten können auf das, was kommt. Egal ob ein Pianist vor dem Konzert oder ein Schwimmer vor dem Wettkampf: am Anfang stehen einige Momente der Ruhe und der Konzentration.

Stille ist aber vor allem deshalb so kraftvoll und so zentral, weil Gott in ihr wohnt. Hier mal beispielhaft Worte aus dem Alten Testament, dem 1. Buch Könige, Kapitel 19:

„Und Elia kam zum Berg Horeb, dem Berge Gottes, und blieb dort über Nacht in einer Höhle. Und siehe, das Wort des HERRN kam zu ihm. […]. Und der Herr sprach: geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR ging vorüber. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Und nach dem Wind kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam eine Stimme verschwebenden Schweigens. Als Elia das hörte, verhüllte er sein Gesicht und trat in den Eingang der Höhle.“

Schon im jüdischen Tempel in Jerusalem im alten Israel war das Allerheiligste, der eigentliche Wohnort Gottes, ein vergleichsweise kleiner Raum voll der Ruhe und des Schweigens. Noch heute gelten Kirchen und Klöster als Orte der Stille: dort, in den heiligen Räumen, ehrt man den still gegenwärtigen Gott mit Schweigen. Schweigend begegnen sich Gott und Mensch, schweigend berühren sich ihre Herzen.

Gottes Gegenwart wohnt ganz oft eben nicht im Sturm, nicht im Feuer, nicht im Erdbeben, sondern in der Stille. Gott wohnt in der Stille. Meister Eckhardt, der große deutsche Mystiker, sagt: „Nichts im Universum gleicht Gott so sehr wie die Stille.“ Und Sören Kierkegaard sagt: „Wenn alles still ist, geschieht am meisten.“

Wenn wir Gott begegnen wollen, müssen wir also still werden. Dort, in der Stille, kann es dann geschehen, dass Gott uns in der Stille, ganz und gar erfasst. Dass wir für einige Augenblicke voll und ganz aufgehoben und geborgen sind in der Stille Gottes.

Eine zweite wichtige Voraussetzung für gelingendes inneres Beten ist für Teresa das hier:

„Wenn Ihr wirklich betet, müsst ihr zuerst bedenken, wer ihr selber seid.“

Warum eigentlich? Warum sollen wir zu Beginn unseres Betens bedenken, wer wir selber sind?

Es geht Teresa hier um Demut als die einzig angemessene Haltung, um innerlich vor Gott zu treten:

„Ich dachte einmal darüber nach, warum wohl unser Herr die Demut so liebe. Da kam mir – ganz plötzlich und ungewollt – dieser Gedanke: Gott ist die höchste Wahrheit, und Demut ist Wandeln in der Wahrheit. Denn es bedeutet viel zu erkennen, dass wir aus uns selbst nichts Gutes haben und nichts sind.“

Gott alleine ist durch und durch und in einem wunderbaren Übermaß gut. Wir sind es nicht. Dieses innere Erkennen ist für Teresa wichtig, weil nur auf diese Weise in uns Raum wird, um von Gott Gutes zu empfangen – seine Gegenwart und seinen Frieden. Wenn wir anfangen, Gott gegenüber unsere eigenen Gutheiten aufzuzählen und dann selbstgefällig sein Kommen einfordern, sind wir so voll mit uns selber, dass für Gott kein Platz mehr ist.

„Wahre Demut beunruhigt, verwirrt und stört die Seele nicht, sondern bringt ihr Frieden, Trost und Ruhe.“

Teresa will also, dass wir alles Gute ganz und gar von Gott her erwarten und erbitten – und uns selbst dabei loslassen, von uns selber absehen. Darüber hinaus geht es Teresa um einen wachen, kritischen Blick auf uns selber mit der Möglichkeit, dass wir eigene Schuld erkennen und sie zu Gott bringen, damit er sie ausräumt und den Weg frei macht. Denn allzu oft ergeht es uns so:

„Wir entschließen uns beim Eintritt ins Kloster, arm zu sein, doch verwenden häufig von Neuem Sorge darauf, dass uns nicht nur das Notwendige nicht abgeht, sondern auch nicht der Überfluss. Es sieht auch so aus, als lassen wir alles Prestigedenken hinter uns, wenn wir begonnen haben, ein geistliches Leben zu führen, doch kaum rührt man auch nur in einem Punkt an unsere Ehre, schon wollen wir uns von Neuem damit hervortun. Und so ist es auch in anderen Punkten. Eine saubere Art der Gottesliebe! Und dann wollen wir, wie man so sagt, bei Gott aus dem Vollen schöpfen! Das geht nicht!“

Abschließend schreibt sie zu diesem Thema:

Das mit den Sünden und der Selbsterkenntnis ist also das Brot, das auf dem Weg des inneren Betens zu allen Speisen gegessen werden muss, wie köstlich sie auch immer sein mögen. Doch muss es mit Maß gegessen werden, denn nachdem eine Seele bereits sieht, dass sie bescheiden geworden ist und klar erkennt, dass sie aus sich selbst nichts wirklich Gutes hat: was braucht sie dann hier noch ihre Zeit vertun? Vielmehr sollen wir dann zu anderen Dingen übergehen, die uns der Herr vor Augen führt.“

Stille und Demut: wovon brauche ich aktuell am dringendsten mehr?

Freiraum

Nichts soll dich verwirren,
nichts dich erschrecken.
Alles vergeht, Gott aber ändert sich nicht.
Gott alleine genügt.
Wer ihn hat, dem wird nichts fehlen.