Eine Viertelstunde Teresa – Teil 8

Lebens Liturgien

Folge 154

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Herzlich Willkommen zu „Lebensliturgien für den Alltag“ – Staffel 4: Teresa erzählt. Zum Abschluss der Staffel erscheinen hier die biografischen Teile der letzten vierzig Folgen zu Teresa von Avila noch einmal hübsch verpackt in Viertelstunden-Häppchen – zum Erinnern, Vertiefen, Nochmal-Freuen und Weiterdenken. Und jetzt: viel Freude damit!

So außergewöhnlich und gesegnet Teresas Leben von Gott her auch gewesen sein mag: richtig schnell und einfach ging eigentlich nie etwas. So auch bei ihrer zweiten Klostergründung.

Als Teresas Pläne von der Gründung weiterer Klöster bekannt werden, reagiert Avila wie immer: fast alle erklären Teresa für verrückt. Eine Nonne, die herumreist und an verschiedenen Orten Klöster gründet – unvorstellbar! Aber auch Teresa reagiert wir immer – und macht einfach ihr Ding. Im Morgengrauen des 13. August bricht Teresa mit sieben Mitschwestern und einem befreundeten Priester auf in Richtung Medina del Campo. Dort haben einige alte Freunde Teresa ein Haus organisiert, das sie zum Kloster umbauen will. Schon am Abend jedoch, noch auf halber Strecke, kündigen sich Schwierigkeiten an.

„Als wir am ersten Reisetag, spät abends und wegen der schlechten Reiseausrüstung, die wir hatten, ermüdet ankamen, kam uns ein Geistlicher entgegen, ein Freund von uns. Er flüsterte mir zu, dass wir in Medina kein Haus hätten, weil es nämlich in der Nähe des Augustinerklosters lag und diese sich unserem Einzug dort widersetzten. Du lieber Gott! Wenn du, Herr, Mut verleihst, wie wenig bringen dann alle Widersprüche fertig! Es scheint mich eher ermutigt zu haben, da ich glaubte, dass dem Herrn in jenem Kloster gedient werden müsse, wenn der Böse schon mit seiner Unruhe einsetzte.“

Die Gruppe zieht also weiter. Um Mitternacht des nächsten Tages kommen sie in Medina an. Da Teresa kein Aufsehen erregen will und gerne schnell handelt, ziehen sie noch in der Nacht zum versprochenen Haus. Obwohl es noch dunkel ist, erahnen die Schwestern, dass es sich bei diesem Haus eher um eine Ruine handelt. Dennoch feiern die übermüdeten Schwestern im Morgengrauen die erste Messe an diesem Ort.

„Als die Messe jedoch zu Ende war, gelang es mir, durch eine Art Fensterchen in den Innenhof zu spähen, und da sah ich, dass stellenweise sämtliche Mauern eingestürzt waren, so dass es Tage dauern würde sie wieder herzurichten. Hinzu kamen noch alle Schwierigkeiten, die jene uns bereiten konnten, die viel dagegen gewettert hatten, und ich erkannte klar, dass sie recht hatten. Es schien mir unmöglich, mit dem, was ich angefangen hatte, weiterzumachen.“

Lange aber dauert Teresas Verzagtheit nicht an. Wieder einmal stellt sich Gott zu seiner Berufung und wieder einmal lässt Teresas Persönlichkeit aus anfangs skeptischen Menschen schnell Freunde und Unterstützer werden. Nachbarn bringen Essen und Almosen, und eine vornehme Dame erklärt sich bereit, die Kosten für die Bauarbeiten zu tragen. Und dann geschieht folgendes:

„Als nach acht Tagen ein Kaufmann, der in einem sehr schönen Haus wohnte, unsere Notlage bemerkte, sagte er uns, wir sollten bei ihm in das obere Stockwerk ziehen, wo wir wie im eigenen Haus leben könnten. Es gab dort einen sehr großen, Gold verzierten Saal, den er uns als Kirche gab. Daraufhin begann ich mich zu beruhigen, denn dort, wo wir hingingen, lebten wir in voller Klausur, und wir begannen das Stundengebet zu verrichten.“

Nach gut zwei Monaten dann ist es soweit und die Schwestern können ihr neues Kloster beziehen. Über die kommenden Monate schreibt Teresa:

„Die Schwestern gewannen bei den Leuten immer mehr Vertrauen, und diese fassten große Zuneigung zu ihnen. In allem lebten sie so wie in San José zu Avila. Der Herr begann einige aus Medina zu rufen, die den Habit nahmen; und die Gnaden, die er ihnen erwies, waren so zahlreich, dass ich erstaunt war. Es sieht so aus, als warte er nur darauf, geliebt zu werden, um zu lieben. Er sei für immer gepriesen. Amen.“

Noch während Teresa zusammen mit ihren sieben Mitschwestern im oberen Stockwerk der Kaufmanns-Villa in Medina wohnt und auf die Fertigstellung ihres Klosters dort wartet, beschäftigt sie sich bereits mit der nächsten Gründung – diesmal sogar mit der Gründung eines Männer-Klosters. Denn vom Generaloberen aus Rom hat Teresa bei dessen Besuch in Avila vor einigen Monaten ausdrücklich die Aufforderung bekommen, auch im Männer-Bereich reformierte, „unbeschuhte“ Karmeliter-Klöster zu gründen.

Dass allerdings eine Frau Männerkloster gründet, ist nicht nur vollkommen ungewöhnlich, sondern – in den Augen der damaligen Zeit – sogar anstößig. Außerdem braucht sie hierfür nicht nur einen Ort und ein Haus, sondern auch (und vor allem) ein paar Karmeliter-Brüder, die ein solches Reformkloster in ihrem Sinn aufbauen und leiten.

„Meine Sorge wuchs, als ich erkannte, dass es in der Provinz keinen Bruder gab, um ein solches Kloster ins Werk zu setzen. So tat ich nichts anderes als den Herrn zu bestürmen, dass er wenigstens einen Menschen dazu aufrüttelte. Ein Haus hatte ich genauso wenig, noch etwas, um eines zu erwerben. Da stand ich also da, eine armselige Unbeschuhte Nonne, ohne Hilfe von irgendwo her, außer der vom Herrn, beladen mit Vollmachten und guten Wünschen, aber ohne irgendeine Möglichkeit, sie ins Werk zu setzen!“

Mit der Zeit allerdings finden sich zwei Männer. Der eine: ein älterer, fast sechzigjähriger Pater, der sich Teresa beinahe aufdrängt. Der andere: ein junger Karmelit, kaum anderthalb Meter groß, mit kahlem Kopf und schmächtigem Körper. Und mit einer ungeheuren Ausstrahlung und spirituellen Begabung. Sein Name: Juan, später Juan de la Cruz, Johannes vom Kreuz.

„Als ich mit ihm sprach, gefiel er mir sehr. Ich sagte ihm, was ich vorhatte und bat ihn inständig zu warten, bis der Herr uns ein Kloster gäbe. Er gab mir sein Wort, es so zu machen, wenn es nur nicht zu lange dauerte. Schon erschien mir alles gut möglich.  

O Größe Gottes! Wie zeigt sich deine Macht darin, einer Ameise Kühnheit einzuflößen! Und wie liegt es nicht an dir, mein Herr, sondern vielmehr an unserer Feigheit und unserem Kleinmut, dass diejenigen, die dich lieben, keine großen Werke vollbringen! Da wir uns mit unseren tausend Ängsten und menschlichen Rücksichten nie entschließen, wirkst du, mein Gott, deine Wunder und Großtaten nicht Wer ist denn mehr Freund des Gebens, wenn er nur wüsste, wem?“

Als Teresa nach vielen Reisen wieder einmal in ihrem Kloster in Avila weilt, wartet dort eine Überraschung auf sie:

„Ein Adeliger aus Avila, mit dem ich vorher nie zu tun gehabt hatte, erfuhr davon – wie, weiß ich nicht – dass man ein Kloster von Unbeschuhten Brüdern errichten wollte. So kam er zu mir mit dem Angebot, mir in einem Dörfchen mit einer Handvoll Einwohner ein Haus zu geben. Ich lobte unseren Herrn, obwohl ich mir vorstellen konnte, in welchem Zustand es wohl sein müsse und dankte ihm sehr.“

Genau auf etwas in dieser Richtung wartet Teresa schon seit Monaten, denn zwei Gründungs-Kandidaten gibt es ja schon: den älteren Pater Fray Antonio und den jungen Johannes vom Kreuz, „einen ganzen Mönch und einen halben“, wie Teresa einmal scherzhaft in Anspielung auf die Körpergröße von Johannes vom Kreuz schreibt.

Weil Teresa nicht will, dass Johannes vom Kreuz sich nach einem anderen Klosterprojekt umsieht, handelt sie schnell und bricht alsbald auf, um dieses Haus irgendwo im nirgendwo in Augenschein zu nehmen.

„Wir brachen zwar frühmorgens auf, verirrten uns aber, da wir den Weg nicht kannten. Und da der Ort kaum bekannt ist, gab es nur wenige Hinweise auf ihn. Es war ein Tag, an dem die Sonne heiß brannte. Ich denke immer noch an die Müdigkeit und Orientierungslosigkeit, die wir auf jenem Weg erlebten. So kamen wir kurz vor Einbruch der Nacht an. Als wir ins Haus kamen, war es in einem solchen Zustand, dass wir uns nicht getrauten, wegen des extremen Mangels an Sauberkeit und des zahlreichen Ungeziefers die Nacht dort zu verbringen. Meine Begleiterin konnte es nicht ertragen, dass ich daran dächte, dort das Kloster einzurichten. „Es gibt gewiss keine Menschenseele, Mutter, wie vorbildlich sie auch sein mag, die das aushalten kann.“

Zurück in Medina del Campo spricht Teresa mit ihren beiden Kandidaten und beschreibt ihnen in aller Deutlichkeit, was sie vorgefunden hat. Zu ihrer Überraschung und Freude lassen sich beide von diesen Schilderungen nicht abhalten.

„Wir bestimmten, dass Johannes vom Kreuz sich zum Haus begeben und es so herrichten solle, dass sie irgendwie einziehen könnten. Pater Fray Antonio hatte schon einiges zusammengetragen, was nötig war, obwohl das nicht viel war. Nur mit Uhren war er ausgestattet, von denen er fünf hatte, was ich wirklich lustig fand. Er sagte mir, um das Stundengebet geregelt zu haben. Ich glaube, er hatte noch nicht einmal etwas zum Schlafen. Mit der größten Zufriedenheit der Welt machte er sich zu seinem neuen Häuschen dort auf.“

In den Folgemonaten und -jahren wächst und gedeiht die Gemeinschaft der Mönche dort und Johannes vom Kreuz wird zu einem der größten Mystiker und Poeten des Christentums.

Ab dem Jahr 1567 sind Teresa und Johannes vom Kreuz Freunde, Weggefährten und später auch Leidensgefährten. Deshalb an dieser Stelle ein kurzer Blick auf Johannes vom Kreuz.

Johannes wächst in ärmlichen Verhältnissen auf und verliert mit neun Jahren seinen Vater. Als Kind lernt er weder lesen noch schreiben und wird schließlich Pfleger in einem Armenkrankenhaus. Zu dieser Zeit besucht er nebenbei Kurse im örtlichen Kolleg der Jesuiten und bildet sich. Dort zeigt sich seine Hochbegabung – gerade auch im spirituellen Bereich: Johannes ist ein Mann mit einer tiefen sehnsuchtsvollen Liebe zu Gott. Er studiert Theologie und Philosophie, sein besonderes Interesse gilt der Poesie und der Mystik.

Johannes wird zum Priester geweiht und sucht intensiv nach seinem Platz. Als er sich gerade dafür entscheiden will, in den strengen Schweigeorden der Karthäuser einzutreten, begegnet er Teresa. Sie gewinnt ihn für den Plan, den Karmel-Orden zu reformieren. So wird aus Johannes der Novizenmeister des ersten Männerklosters der unbeschuhten Karmeliten – und kurz darauf der geistliche Begleiter von unzähligen Schwestern, Priestern und Laien.

Dann eskaliert der Streit zwischen dem Stammorden der Karmeliten und seinem „unbeschuhten“ Reformzweig – wir werden in diesem Podcast noch davon hören. Johannes wird von Gegnern entführt und neun Monate lang in einer winzigen Kammer eingekerkert: ohne Kleiderwechsel, Tageslicht und menschlichen Kontakt.

„Bring mich heraus aus diesem Tod, mein Gott und gib mir das Leben;
halt mich nicht fest in dieser so harten Schlinge. Sieh, wie ich leide, um dich zu sehen.“

Diese Zeit erlebt Johannes als Zeit des Schreckens – und als eine Zeit der Reinigung. Dort, im Kerker, erfährt er Dunkelheit, die dunkle Nacht der Seele. Und er erfährt durch diese Dunkelheit hindurch die Gegenwart Gottes. Johannes spürt, dass Gott in dieser furchtbaren Zeit seinen Glauben läutert. Wobei: zuerst einmal spürt er, dass sein Glaube fast zerbricht. Alles in ihm sehnt sich nach Gott, nach Gottes beglückender Gegenwart, nach seinem Eingreifen. Aber nichts davon geschieht. Johannes‘ Gebetszeiten bleiben trocken und kalt, seine Situation unverändert und unerträglich.

Im Aushalten dieser Dunkelheit erkennt er, wie sehr er sich an Gottes beglückende Gegenwart gewöhnt hat. Er, der bis dahin viele ähnlich tiefe mystische Gebetserfahrungen wie Teresa gemacht hat, erkennt: allzu oft hat er im Gebet nicht Gott selbst gesucht, sondern den Frieden und das Glück, die mit Gottes Gegenwart einhergehen. Nun aber, mitten in seiner tiefen Seelen-Nacht, schärft sich seine Liebe und seine Sehnsucht zu Gott.

„Meine Augen möchten dich gerne schauen, denn du allein machst sie sehend und hell,
nur für dich allein sollen sie leuchten.
Enthülle mir deine Anwesenheit, auch wenn mich der Anblick deiner Schönheit tötet.
Du siehst die Schmerzen der Liebe, die man durch nichts heilen kann
als durch deinen Anblick und deine Gegenwart.“

Teresa und Johannes vom Kreuz: Welche Menschen – vielleicht sogar Freunde – sind mir Weggefährten im Glauben, stärken und vertiefen meinen Glauben?

Freiraum

Nichts soll dich verwirren,
nichts dich erschrecken.
Alles vergeht, Gott aber ändert sich nicht.
Gott alleine genügt.
Wer ihn hat, dem wird nichts fehlen.