Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern

Lebens Liturgien

Folge 178

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Herzlich Willkommen zu LebensLiturgien, Staffel 5: „Gleichnisse – wie Gottes Reich kommt“. Denn das ist das große Thema von Jesus: dass Gottes Reich kommt, wie es kommt und wie es in ihm zugeht. In immer neuen Geschichten und Vergleichen bringt Jesus uns und unsere Welt in Berührung mit Gottes beglückend-irritierend-anderer Welt. Er erzählt dazu von Einbrechern, Weingärtnern und Witwen, von Weizenkörnern, Sauerteig, Reichtum und plötzlichem Tod. In den LebensLiturgien lassen wir uns von Jesus mit hineinnehmen: in diese Geschichten und in das Kommen seines Reiches, seiner Wirklichkeit

Zu Beginn lasse ich es ruhig werden in mir.

Ich atme langsam und bewusst.

Du, Herr, bist hier. Jetzt. In diesem Moment. Und in meinem Herzen.
Du, Herr, bist nah. Näher als mein Atem und mein Herzschlag. Näher als ich mir selbst bin.
Du, Herr, bist Wirklichkeit. Wirklicher noch als alle Freude, Schmerz oder Sorge.
Du, Herr, bist hier. Jetzt. Und schaust mich liebevoll an.

Wir hören Worte, in denen Jesus Gottes Reich beschreibt – und wie wir in ihm leben können.

Glücklich zu preisen sind die Sanftmütigen und die Friedensstifter. Denn sie werden die Erde besitzen und Kinder Gottes genannt werden.

Verzichtet also darauf, Böses mit Bösem zu vergelten. Haltet lieber die andere Wange hin.

Betet, dass Gottes gutes Reich kommt und sein Wille geschieht. Trachtet immer und überall zuerst nach seinem Reich und seiner Gerechtigkeit – dann wird Gott euch alles Übrige dazugeben.

Sorgt euch um nichts! Sammelt euch keine Reichtümer hier auf der Erde. Fragt euch nicht ständig: „Was wollen wir essen, anziehen oder kaufen?“ Sammelt euch lieber Schätze im Himmel und teilt, was Ihr habt, mit den Armen.

Wenn Ihr betet, tut es mit einfachen, ehrlichen Worten. Und wenn Ihr anderen Gutes tut, dann tut es mit Demut und Liebe.

Verurteilt und richtet niemanden, denn selig sind die Barmherzigen und die, die arm sind vor Gott.

(Aus Matthäus, Kapitel 5-7)

Jesus schließt sein Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht überraschend unbarmherzig:

Da ließ sein Herr ihn kommen und sagte zu ihm: ›Du böser Mensch! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast. Hättest du da mit jenem anderen Diener nicht auch Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?‹ Und voller Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er ihm alles zurückgezahlt hätte, was er ihm schuldig war. So wird auch mein Vater im Himmel jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von Herzen vergibt.«

(Matthäus-Evangelium 18, 32-35)

War das Gleichnis am Anfang noch eine Erzählung, die vor Barmherzigkeit und Großzügigkeit geleuchtet hat, wird es hintenraus eng und bedrohlich. Es gibt eine ganze Reihe von Auslegern, die deshalb den Schluss des Gleichnisses nicht mehr Jesus zuschreiben, sondern Matthäus, dem Evangelisten.

Das löst für mich jedoch das sachliche Problem nicht, das hier verhandelt wird: dass nämlich Gottes Vergeben und unser Vergeben scheinbar irgendwie zusammenhängen. Beim Vaterunser taucht dieses Motiv nämlich ein zweites Mal auf, dort lehrt Jesus uns folgende Worte beten:

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“

Auch hier wieder: Gottes Vergeben und unser Vergeben scheinen eng miteinander zusammenzuhängen.

Nur wie? Kann es wirklich sein, dass Gott uns in einer Art Anfangs-Freundlichkeit gerne und vollständig alles vergibt, dann aber bei der kleinsten unversöhnlichen Regung unsererseits genau diese Schuld nun wieder unter der Ladentheke hervorholt und uns erneut auf die Seele lädt und uns zuruft:

›Du böser Mensch! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast. Hättest du da mit jenem anderen Diener nicht auch Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?‹ Und voller Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er ihm alles zurückgezahlt hätte, was er ihm schuldig war.

(Matthäus-Evangelium 18, 32-34)

Ich persönlich glaube das nicht. Warum sollte Gott anfangs barmherzig, liebevoll und großzügig sein, dann aber bei Unbarmherzigkeit unsererseits auf einmal unbarmherzig und unversöhnlich?

Ich vermute ja: der Knackpunkt ist die Vergebung selbst. Empfangene Vergebung macht ihrem Wesen nach großzügig. Jesus erzählt das ja so eindrucksvoll zu Beginn seines Gleichnisses: unsere Schuld unendlich groß, die Großzügigkeit und Vergebungsbereitschaft Gottes allerdings noch größer. Dass ein auf solche Weise begnadeter, beschenkter und von aller Schuld befreiter Mensch leicht und froh und dankerfüllt hingeht und anschließend mit hartem Herzen einen anderen, viel kleineren Schuldner attackiert, ist schlicht absurd. Eine unmögliche Möglichkeit.

Wenn wir uns in unserem Leben schwer damit tun, anderen Menschen zu vergeben (oder vergeben zu wollen), dann scheint mir die Ursache dafür zu sein, dass wir selbst noch zu wenig erlösende und befreiende Vergebung von Gott erbeten und empfangen haben. Denn zum Wesen von empfangener Vergebung gehört, dass sie uns das Herz weitet und befreit. Wenn ich um meine eigenen Abgründe weiß und genau in diese Abgründe hinein Gottes gute Vergebung empfangen habe, dann kann ich einem anderen Menschen die Vergebung doch eigentlich gar nicht verweigern wollen. Oder?

In der Stille komme ich mit Gott genau darüber ins Gespräch.

Freiraum

Ich gehe in diesen Tag in dem Vertrauen und mit der Bitte, dass Gottes Reich kommt:

Herr, mein Gott, öffne meine Augen für deine Wirklichkeit:
für das, was du tust und für das, was du heute durch mich tun willst.
Lass dein Reich kommen und deinen guten Willen geschehen –
wie im Himmel, so in unseren Parlamenten und den Konzernzentralen unserer Wirtschaft genauso wie in unseren Schulen, Gefängnissen, Altersheimen und Kirchen.
Und natürlich auch in meinem Leben.
Sende zu all dem deinen Heiligen Geist,
denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit. Amen.