Prioritäten setzen

Lebens Liturgien

Folge 186

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Herzlich Willkommen zu LebensLiturgien, Staffel 5: „Gleichnisse – wie Gottes Reich kommt“. Denn das ist das große Thema von Jesus: dass Gottes Reich kommt, wie es kommt und wie es in ihm zugeht. In immer neuen Geschichten und Vergleichen bringt Jesus uns und unsere Welt in Berührung mit Gottes beglückend-irritierend-anderer Welt. Er erzählt dazu von Einbrechern, Weingärtnern und Witwen, von Weizenkörnern, Sauerteig, Reichtum und plötzlichem Tod. In den LebensLiturgien lassen wir uns von Jesus mit hineinnehmen: in diese Geschichten und in das Kommen seines Reiches, seiner Wirklichkeit

Zu Beginn lasse ich es ruhig werden in mir.

Ich atme langsam und bewusst.

Du, Herr, bist hier. Jetzt. In diesem Moment. Und in meinem Herzen.
Du, Herr, bist nah. Näher als mein Atem und mein Herzschlag. Näher als ich mir selbst bin.
Du, Herr, bist Wirklichkeit. Wirklicher noch als alle Freude, Schmerz oder Sorge.
Du, Herr, bist hier. Jetzt. Und schaust mich liebevoll an.

Wir hören Worte, in denen Jesus Gottes Reich beschreibt – und wie wir in ihm leben können.

Glücklich zu preisen sind die Sanftmütigen und die Friedensstifter. Denn sie werden die Erde besitzen und Kinder Gottes genannt werden.

Verzichtet also darauf, Böses mit Bösem zu vergelten. Haltet lieber die andere Wange hin.

Betet, dass Gottes gutes Reich kommt und sein Wille geschieht. Trachtet immer und überall zuerst nach seinem Reich und seiner Gerechtigkeit – dann wird Gott euch alles Übrige dazugeben.

Sorgt euch um nichts! Sammelt euch keine Reichtümer hier auf der Erde. Fragt euch nicht ständig: „Was wollen wir essen, anziehen oder kaufen?“ Sammelt euch lieber Schätze im Himmel und teilt, was Ihr habt, mit den Armen.

Wenn Ihr betet, tut es mit einfachen, ehrlichen Worten. Und wenn Ihr anderen Gutes tut, dann tut es mit Demut und Liebe.

Verurteilt und richtet niemanden, denn selig sind die Barmherzigen und die, die arm sind vor Gott.

(Aus Matthäus, Kapitel 5-7)

In der letzten Folge haben wir miteinander darüber gestaunt, dass der große Universums-Hirte trotz seiner aktuell gut acht Milliarden Schafe ausgerechnet uns – jeden und jede Einzelne von uns – liebevoll und aufmerksam im Blick hat und uns nachgeht, sich kümmert, uns befreit und trägt.

Das gilt allerdings nicht nur für uns. Das gilt auch – vielleicht sogar vor allem – für die Menschen um uns, die uns Mühe machen.

Gehen wir noch einmal zurück zum Ausgangspunkt dieser Erzählung Jesu. Auslöser ist dies hier:

Jesus war ständig umgeben von Zolleinnehmern und anderen Leuten, die als Sünder galten; gerade sie wollten ihn hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten waren darüber empört. »Dieser Mensch gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen!«, sagten sie.

(Lukas-Evangelium 15,1f.)

Diese Worte aus dem Mund der Pharisäer beschreiben eine recht interessante Einseitigkeit im Leben Jesu. Auf der einen Seite gilt wie im berühmten Johannes 3,16-Zitat beschrieben: „So sehr hat Gott die Welt geliebt …“. Gottes Liebe gilt jedem Menschen, überall, zu jeder Zeit, immer. Gottes schöpferische Liebe ist es ja, die überhaupt erst Leben ermöglicht, die dich, mich und jeden und jede andere aus dem Nichts hervorliebt. Jesus liebt jeden und jede Einzelne der mittlerweile knapp über acht Milliarden Menschen weltweit.

Und doch hat Jesus seine Zeit auf Erden erstaunlich ungleich – manche würden sagen: ungerecht – verteilt. Die Gruppe der Mächtigen, der Bedeutenden und der Rechtschaffenen hat wenig abbekommen von Jesu Aufmerksamkeit und Gesellschaft. Die Klugen, die Reichen und die, deren Leben gelungen ist, haben Jesus selten zu Gesicht bekommen.

Warum eigentlich? Waren sie allesamt zu stolz, zu selbstzufrieden, satt und innerlich unbeweglich, um offen zu sein für Jesus und sein gutes, himmlisches Reich? Vielleicht …

Vielleicht musste Jesus aber auch einfach Prioritäten setzen. Zu seiner Menschlichkeit gehörte sein Begrenzt-Sein. Jesus konnte immer nur an einem Ort zugleich sein, er hatte immer nur Kraft für 12-16 Stunden am Tag. Jesus konnte zu seinen Lebzeiten also gar nicht für alle da sein, er musste klar auswählen, Jesus musste priorisieren.

Und während wir dazu tendieren, unsere begrenzte Zeit möglichst mit angenehmen Menschen zu verbringen, hat Jesus voll auf das Gegenteil gesetzt. Jesus war mit Vorliebe da, wo Krankheit, Armut und Einsamkeit geherrscht haben. Er hat die Gemeinschaft von Menschen gesucht, denen ihr Leben irgendwie misslungen war, die falsche Lebensentscheidungen getroffen hatten oder denen vom Schicksal übel mitgespielt worden war.

Angenommen, einer von euch hat hundert Schafe, und eins davon geht ihm verloren. Lässt er da nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?

(Lukas-Evangelium 15,4)

Zur Menschlichkeit Jesu gehörte sein Begrenzt-Sein und zu seinem Begrenzt-Sein, dass er priorisieren musste. Für welche Menschen war es am wichtigsten, dass er bei ihnen war? Welche Menschen brauchten ihn am dringendsten?

In der Stille lasse ich mir von Gott zeigen, wer mich – heute und in den nächsten Tagen – am dringendsten braucht.

Freiraum

Ich gehe in diesen Tag in dem Vertrauen und mit der Bitte, dass Gottes Reich kommt:

Herr, mein Gott, öffne meine Augen für deine Wirklichkeit:
für das, was du tust und für das, was du heute durch mich tun willst.
Lass dein Reich kommen und deinen guten Willen geschehen –
wie im Himmel, so in unseren Parlamenten und den Konzernzentralen unserer Wirtschaft genauso wie in unseren Schulen, Gefängnissen, Altersheimen und Kirchen.
Und natürlich auch in meinem Leben.
Sende zu all dem deinen Heiligen Geist,
denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit. Amen.