Beten – warum eigentlich?

Lebens Liturgien

Folge 191

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Herzlich Willkommen zu LebensLiturgien, Staffel 5: „Gleichnisse – wie Gottes Reich kommt“. Denn das ist das große Thema von Jesus: dass Gottes Reich kommt, wie es kommt und wie es in ihm zugeht. In immer neuen Geschichten und Vergleichen bringt Jesus uns und unsere Welt in Berührung mit Gottes beglückend-irritierend-anderer Welt. Er erzählt dazu von Einbrechern, Weingärtnern und Witwen, von Weizenkörnern, Sauerteig, Reichtum und plötzlichem Tod. In den LebensLiturgien lassen wir uns von Jesus mit hineinnehmen: in diese Geschichten und in das Kommen seines Reiches, seiner Wirklichkeit

Zu Beginn lasse ich es ruhig werden in mir.

Ich atme langsam und bewusst.

Du, Herr, bist hier. Jetzt. In diesem Moment. Und in meinem Herzen.
Du, Herr, bist nah. Näher als mein Atem und mein Herzschlag. Näher als ich mir selbst bin.
Du, Herr, bist Wirklichkeit. Wirklicher noch als alle Freude, Schmerz oder Sorge.
Du, Herr, bist hier. Jetzt. Und schaust mich liebevoll an.

Wir hören Worte, in denen Jesus Gottes Reich beschreibt – und wie wir in ihm leben können.

Glücklich zu preisen sind die Sanftmütigen und die Friedensstifter. Denn sie werden die Erde besitzen und Kinder Gottes genannt werden.

Verzichtet also darauf, Böses mit Bösem zu vergelten. Haltet lieber die andere Wange hin.

Betet, dass Gottes gutes Reich kommt und sein Wille geschieht. Trachtet immer und überall zuerst nach seinem Reich und seiner Gerechtigkeit – dann wird Gott euch alles Übrige dazugeben.

Sorgt euch um nichts! Sammelt euch keine Reichtümer hier auf der Erde. Fragt euch nicht ständig: „Was wollen wir essen, anziehen oder kaufen?“ Sammelt euch lieber Schätze im Himmel und teilt, was Ihr habt, mit den Armen.

Wenn Ihr betet, tut es mit einfachen, ehrlichen Worten. Und wenn Ihr anderen Gutes tut, dann tut es mit Demut und Liebe.

Verurteilt und richtet niemanden, denn selig sind die Barmherzigen und die, die arm sind vor Gott.

(Aus Matthäus, Kapitel 5-7)

Gott gibt gerne, haben wir letzte Folge gehört. Aber er will auch gebeten sein:

Bittet, und Gott wird euch geben; sucht, und er lässt euch finden; klopft an, und er öffnet die Tür! Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet.

(Matthäus-Evangelium 7, 7f.)

Warum eigentlich? Warum spielt das Bitten eine solch große Rolle? Weiß Gott nicht bereits vorher und vermutlich viel besser, was wir wirklich brauchen? Warum brauchen Gott, Welt und Reich Gottes ausgerechnet unser Gebet?

C. S. Lewis hat seine Antwort so formuliert:

„Wenn Gott wollte, könnte er unseren Leib auch ohne Nahrung erneuern oder uns ohne die Hilfe der Gelehrten lehren oder die Heiden ohne Missionare bekehren. Stattdessen aber erlaubt Gott den Böden, dem Wetter, den Tieren, den Muskeln, dem Geist und dem Willen des Menschen, bei der Ausführung seines Willens mitzuwirken.“

(C. S. Lewis)

C.S. Lewis lenkt unseren Blick also auf die sichtbare Schöpfung Gottes. Dort ist es so, dass Vieles unser Mittun braucht. Vom Zähneputzen über die Landwirtschaft oder den Hausbau bis hin zur Regierung eines Landes gilt: wenn wir Menschen es nicht tun, passiert entweder nichts oder viel Ungutes. Gott wäre durchaus in der Lage, all dies für uns zu tun. Aber er tritt einen Teil seiner Kreativität, seiner Verantwortung und seiner Schöpferkraft an uns ab. Er erschafft uns „zu seinem Bilde“ und legt etwas von seiner göttlichen Würde und von seinen göttlichen Möglichkeiten in unsere zerbrechlichen, nicht immer besonders gut funktionierenden Hände. Blaise Pascal spricht hier von der „Würde der Ursächlichkeit“: Gott hat uns Menschen die Möglichkeit geschenkt, Dinge initiieren zu können.

„Nichts scheint Gott selbst zu tun, was er irgendwie seinen Geschöpfen übertragen kann. Er befiehlt uns, langsam und stümperhaft das zu tun, was er vollkommen und in einem Augenblick tun könnte. Wir sind niemals bloße Empfänger oder Zuschauer, sondern sind gezwungen, an der Arbeit mitzuwirken beziehungsweise genießen das Vorrecht, im Spiel mitzutun.“

(C. S. Lewis)

Gott hat also nicht nur die sichtbare Welt so eingerichtet, dass wir Menschen darin etwas bewirken können und sollen; Gott hat auch die unsichtbare Welt so eingerichtet, dass wir Menschen darin etwas bewirken können und sollen. Wenn Jesus uns also aufträgt zu beten „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe“, dann ist dieses Gebet nicht etwa heimlich sinnlos (weil Gottes Reich eh kommt und sich durchsetzt), sondern Gott braucht dieses unser Gebet, damit sein Reich auch wirklich kommt und sein Wille auch wirklich geschieht.

In der Stille trete ich vor Gott für eine Sache ein, bei der ich mir sicher bin, dass er sie will. Ich bete mit Blick auf diese Sache: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe.“

Freiraum

Ich gehe in diesen Tag in dem Vertrauen und mit der Bitte, dass Gottes Reich kommt:

Herr, mein Gott, öffne meine Augen für deine Wirklichkeit:
für das, was du tust und für das, was du heute durch mich tun willst.
Lass dein Reich kommen und deinen guten Willen geschehen –
wie im Himmel, so in unseren Parlamenten und den Konzernzentralen unserer Wirtschaft genauso wie in unseren Schulen, Gefängnissen, Altersheimen und Kirchen.
Und natürlich auch in meinem Leben.
Sende zu all dem deinen Heiligen Geist,
denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit. Amen.